Wikipedia im Spannungsfeld von Offenheit und Schließung: Eine Forschungsskizze

Posted: August 27, 2010 at 3:04 pm  |  By: Johanna Niesyto  |  Tags: , , , ,

Autorin: Linda Groß

Beobachtet man die verschiedenen Diskurse über die Wikipedia, über Potential und Anspruch der Online-Enzyklopädie, bemerkt man augenblicklich Widersprüche. Die selbst oder fremd zugeschriebenen Eigenschaften und Einordnungen der Online-Enzyklopädie bewegen sich zwischen zwei Polen, die einander gegenüber stehen. Zum einen scheint die Wikipedia medienkritische Hoffnungen zu erfüllen. Ihr wird in dieser Lesart das Potential zugeschrieben neue (demokratische) Formen der Partizipation durch Zugangsoffenheit, Gemeinschaft durch rationalen Diskurs, Egalität und Emanzipation ihrer Nutzer zu verwirklichen. Dem gegenüber steht das Bild eines elitären, eingeschworenen Zirkels, der einer organisationalen Logik entsprechend eher exkludiert als inkludiert, bürokratisch und regeltreu agiert und sich vornehmlich an als legitim erachteten Instanzen der Wissensproduktion orientiert (bzw. Legitimierung durch eben diese erhofft), statt sich als Gegenkultur zu begreifen, die eine neue Wissensordnung zu begründen vermag. Auffällig ist, dass diese Pole nicht nur innerhalb der Wikipedia Thema sind (vgl. die Debatte um Inklusionisten vs. Exklusionisten), sondern auch die massenmediale Berichterstattung und die wissenschaftliche Auseinandersetzung bestimmen. Es scheint als müsse man sich – und das auch als ‚neutraler Beobachter’ – entscheiden, welcher Position man zuzurechnen ist: Nimmt man eine optimistische, medieneuphorische oder realistische, medienskeptische Haltung an?

Für mein Projekt ist nicht die Frage nach der Positionierung entscheidend, sondern was dieser zunächst oberflächlich hergeleitete Spannungszusammenhang über die Eigenlogik der Wikipedia aussagen kann; ob man sich ihr nähern kann, indem man sich ihrer Widersprüchlichkeit bedient, diese als konstitutives und nicht als irritierendes Element[1] begreift. Jene Pole der „Offenheit“ und der „Schließung“ werden hier als Deutungsmuster (vgl. Oevermann 2001a,b) verstanden, die als Referenzrahmen der Kommunikation, d.h. als kollektive Begründungs- und Argumentationszusammenhänge, in Wikipedia fungieren. Als Deutungsmuster bearbeiten diese spezifische Probleme (d.h. Inkonsistenzen der Kommunikation) in der Wikipedia. So gilt es einerseits jene typischen Probleme aus der Kommunikation, andererseits ihre Lösungsangebote herzuleiten, sprich zu rekonstruieren.

Welche Deutungsproblematiken bestehen in der Wikipedia? Zum einen ist in der Wikipedia das Problem der „Offenheit“ deutend zu bearbeiten. Diese Semantik ist eng mit den neuen Eigenschaften des Internets, insbesondere des sogenannten Mitmachnetzes und der kollaborativen Wissensproduktion verknüpft. Sie  verweist auf die Eingriffspotentiale des Internets, und somit auf neue Produktions- und Rezeptionsbedingungen, in denen sich die Beziehung zwischen Produzent, Produkt und Rezipient verändert. Die Frage ist also hier, wie die Prozessualität der Inhalte/Produkte – ihre potentielle Unabgeschlossenheit und Veränderbarkeit – sowie die „Interaktivität“ der Kommunikation – manifestiert durch den Edit-Button – im Kontext der Wikipedia gedeutet werden. Zum anderen ist von Orientierungsmustern organisationaler Praxis auszugehen, die zunächst unter dem Begriff der „Schließung“ firmieren. Hier interessiert, wie funktional notwendige und statt findende Prozesse der Strukturbildung einerseits deutend gerahmt werden, andererseits in Bezug zu den neuen Eigenschaften der Wiki-Technologie, den Diskursen um „Offenheit“, gesetzt werden.

Der erhoffte Ertrag dieses Projekts besteht so in einer rekonstruktionslogischen Analyse typischer, kommunikativer Strukturen der Wikipedia und in einer möglichen funktionalen Erklärung jener wahrgenommen Widersprüche, die die Wikipedia und die Diskurse um sie kennzeichnen.

Referenzen

Oevermann, Ulrich (2001a): Zur Analyse der Struktur von sozialen Deutungsmustern. In: sozialersinn, Jg. 2, H. 1, S. 3–33.

Oevermann, Ulrich (2001b): Zur Struktur sozialer Deutungsmuster – Versuch einer Aktualisierung. In: sozialersinn, Jg. 2, H. 1, S. 35–81.

Stegbauer, Christian (2009): Wikipedia. Das Rätsel der Kooperation. Wiesbaden: VS.

Linda Groß ist Stipendiatin am DFG Graduiertenkolleg „Auf dem Weg in die Wissensgesellschaft“ des Instituts für Wissenschafts- und Technikforschung (IWT) der Universität Bielefeld. Ihre Interessen liegen in Medien- und Wissenschaftssoziologie, qualitativen Methoden und Methodologien, kritischer Medientheorie, medienutopischen Zeitdiagnosen sowie in epistemischen und methodischen Schnittstellen zwischen Wissenschaft und Kunst.



[1] Siehe z.B. Stegbauer 2009, der diesen Widerspruch auf der Ebene der Wikipedia-Ideologie festmacht und zwischen einer egalitären und einer Produktideologie differenziert, die ihrerseits in Spannung zueinander stehen und einen Wandel der Online-Enzyklopädie markieren.

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