Wikipedia als doppeltes Untersuchungsobjekt der Governance-Forschung

Posted: September 1, 2010 at 11:17 am  |  By: Johanna Niesyto  |  Tags: , , , ,

Die Forscherin Jeanette Hofmann im Interview über Internet-Governance als Prozess und Wikipedia als zentrales Untersuchungsobjekt für aktuelle Governance-Entwicklungen.

Johanna Niesyto: Sie forschen intensiv zu Internet-Governance als Prozess und befassen sich insbesondere mit dem Spannungsfeld von Hierarchie und Selbstregulation in der Governance des Internets und in der Governance im Internet. Welchen Stellenwert sprechen Sie in Ihrer Auseinandersetzung der Technizität des Mediums zu?

Jeanette Hofmann: Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten, ohne Missverständnisse hervorzurufen. Einerseits gibt es in der techniknahen Politik- und Sozialforschung keine größere Sünde als sich des Technikdeterminismus schuldig zu machen, entsprechend sollte man den Stellenwert der Technik innerhalb gesellschaftlicher Kontexte keinesfalls zu hoch aufhängen. Andererseits wird den empirischen Sozialwissenschaften zu Recht der Vorwurf gemacht, der Technisierung und Informatisierung moderner Gesellschaften nicht hinreichend Beachtung zu schenken. Aus meiner Sicht kommt der Digitalisierung eine enorm wichtige Rolle zu. Allerdings gilt es dabei zu bedenken, dass die Digitalisierung diese Bedeutung unter bestimmten, relativ innovationsfreundlichen Rahmenbedingungen entfalten hat. Es ist vorstellbar, dass die Eigenschaften des Digitalen unter restriktiveren gesellschaftlichen Bedingungen einen wesentlich geringeren Einfluss ausgeübt hätten. (Ich wünschte mir, es hätte mal jemand ein Szenario entwickelt, das die Ausbreitung des Internet unter den Bedingungen des ostdeutschen Sozialismus durchspielt.) Es ist überhaupt nicht sicher, dass dieser Respekt vor der Entwicklungsoffenheit und Kreativität in digitalen Umgebungen, der die Frühphase des Internet charakterisiert hat, auch künftig erhalten bleibt.

Johanna Niesyto: In Ihrer Analyse der Internet-Governance identifizieren Sie verschiedene Phasen: Eine erste Phase des technischen Regimes, in der Legitimität nicht auf repräsentativen Verfahren, sondern auf der Verwirklichung eines anspruchsvollen Konsens basiert: »We reject kings, presidents and voting. We believe in rough consensus and running code« (Dave Clark); eine zweite Phase der Institutionalisierung von Governance (z.B. Herausbildung der ICANN) sowie eine dritte Phase der Neukonfiguration der Akteure und einer Verschiebung der Handlungsformen, die die institutionelle Regelung infrage stellten und z.B. zur Entstehung des Internet Governance Forums führten. Inwiefern schlagen sich diese Phasen auch in der Governance einzelner Projekte nieder?

Jeanette Hofmann: Dieser Phaseneinteilung liegt ein Begriff von Internet-Governance zugrunde, der sich noch sehr stark an der Regulierung kritischer Internetressourcen (Domainnamensystem, IP-Adressen) orientierte. Internet-Governance als Problemstellung hat sich ursprünglich um die Frage der Autorität und Legitimität in der Verwaltung der transnationalen technischen Infrastruktur des Netzes entwickelt. Im Zuge des UN Weltgipfels zur Informationsgesellschaft hat sich die Reichweite des Begriffs dann deutlich ausgedehnt und weitere Handlungsfelder bzw. Problemstellungen integriert, z.B. Fragen des Zugangs, der Entwicklungsvielfalt, des Datenschutzes, der Sicherheit, etc. Obwohl ich dieses ursprüngliche Phasenmodell heute nicht mehr verwende, halte ich an der Idee von Entwicklungsphasen in der Regulierung des Internets weiterhin fest. In einer vergleichenden Studie, die zusammen mit Sebastian Botzem entstanden ist, haben wir eine Art Spiralbewegung in der transnationalen Regulierung beobachtet. Phasen der privaten Selbstregulierung werden von stärkeren staatlichen bzw. internationalen Eingriffen abgelöst, denen wiederum Ansprüche der Selbstregulierung folgen. Wir sprechen von Spiralbewegungen, weil – anders als bei einem Pendel – keine Rückkehr zum Ausgangspunkt stattfindet. Eine neue Akteurskonfiguration und sich weiterentwickelnde Regulierungspraktiken treten an die Stelle der Ausgangsposition. Solche Spiralbewegungen lassen sich für verschiedene Politikfelder diagnostizieren – wir haben Internet-Governance und die Standardsetzung im Bereich der Rechnungslegung (accounting) verglichen; die Regulierung des Finanzsektors passt auch in dieses Bild. Auf der Projektebene zeigen sich andere Dynamiken, die nicht in den Kategorien öffentlich/privat zu fassen sind.

Johanna Niesyto: Warum ist das Wikipedia-Projekt für die Governance-Forschung so interessant? Was unterscheidet es von anderen (freien) Internetprojekten?

Jeanette Hofmann: Persönlich finde ich am Wikipedia-Projekt interessant, dass es Fragen der Selbstregulierung mit der epistemischen Dimension der Wissensgenerierung verknüpft: Wie bestimmen wir die Güte von Aussagen, wie markieren wir ihre Gültigkeitsgrenzen, wie präsentieren wir den Wandel, unsere Unsicherheit und die existierenden Konflikte über Wissen? Obwohl die moderne Idee des Fortschritts die Vergänglichkeit und Kontextabhängigkeit von Wissen zum Allgemeinplatz gemacht hat, bleibt es ein Problem, diesem Umstand in der Darstellung von Fakten und Daten gerecht zu werden. Im Wikipedia-Projekt, das die wohl unausweichlichen Konflikte um die angemessene Repräsentation gesellschaftlicher Wirklichkeit halb-öffentlich austrägt, findet die Governance-Forschung daher ein doppeltes Forschungsobjekt: die sich dynamisch entwickelnden Regulierungspraktiken und -regeln der Autoren sowie das sich wandelnde Produkt, die kollektiv erzeugten oder zumindest verantworteten, dem sogenannten Neutralen Standpunkt entsprechenden Artikel. Für akademische Forscherinnen sind das Prinzip und die Praxis der wissenschaftlichen Selbstverwaltung ja nichts Neues. Insofern lässt sich auf Wikipedia ein vergleichender Blick werfen.

Johanna Niesyto: Auf der CPOV-Konferenz in Amsterdam haben Sie das Aushandlungsmoment von Emanzipation und Regulation am Beispiel der Wikipedia betont. Inwiefern ist diese Gleichzeitigkeit Chance und/oder Hindernis für die Entwicklung freier Internetprojekte?

Jeanette Hofmann: Ich würde in diesem Zusammenhang nicht von Chance oder Hindernis sprechen. Mir ging es um die Beleuchtung typischer Entwicklungsverläufe freier Projekte. Häufig sind diese durch große Euphorie in der Startphase und durch ebenso große Ernüchterung und Frustration in der Reifephase gekennzeichnet. Ich habe die von Boaventura de Sousa Santos entlehnten Begriffe Emanzipation und Regulierung verwendet, um auf ein unauflösbares Spannungsverhältnis in jedweden gesellschaftlichen Formationen hinzuweisen: das jeweils neu auszutarierende Verhältnis zwischen Erfahrungen und Erwartungen an die Zukunft. Regulierung, wie Santos es versteht, besteht aus einem Satz von Normen und Regeln, die den Abstand zwischen eigenen oder kollektiven Erfahrungen und Erwartungen regulieren. Emanzipation zielt dagegen darauf, diesen Abstand zu vergrößern, also höhere Erwartungen zum allgemeinen Handlungs- oder Bewertungsmaßstab zu erklären. Freie Projekte zeichnen sich in der Regel durch eine große Diskrepanz zwischen gelebten Erfahrungen und Erwartungen aus. Die Enttäuschungen würden vielleicht geringer ausfallen, wenn die Emanzipationsansprüche etwas niedriger gehängt würden.

Johanna Niesyto: Die Bedeutung von Wikipedia im Internet ist unbestritten und steht paradigmatisch für die Entstehung neue Keyplayer wie Google oder Facebook. Inwiefern verändern sich mit dem FREIEN Internetprojekt Wikipedia Konstellationen digitaler Governance?

Jeanette Hofmann: Konstellationen digitaler Governance ist mir ein zu abstrakter Bezugsrahmen. Wesentlich erscheint mir die Rolle und das Potential von Wikipedia im Zusammenhang von Wissens- oder Informations-Governance, also Fragen des Zugangs zu Wissen, der Rechte, der Kommerzialisierung, der Transparenz und Diskursivität, der Autorenschaft und der fragwürdigen Grenzen zwischen professionellen und nicht-professionellen Autorinnen, etc. Die demokratische Dimension in der Verbreitung und Anverwandlung von Wissen ist bei Wikipedia mit Händen zu greifen, während sie an den Universitäten vollkommen in den Hintergrund getreten ist.

Johanna Niesyto: Betrachtet man die Beziehungen zwischen Wikipedia und externen gesellschaftlichen Institutionen, verschieben sich dann Governance-Strukturen bzw. finden Übersetzungsprozesse digitaler Governance statt?

Jeanette Hofmann: Es ist wohl zu früh, um diese Frage zu beantworten. Wikipedia hat bis heute an vielen Fachbereichen einen schweren Stand. Ein Gutachter zu einem Artikel, den ich dieses Jahr veröffentlicht habe, beanstandete die Refererierung von Wikipedia als Quelle. Meine Überlegung war, dass Wikipedia-Quellen leichtzugänglich sind; der Gutachter aber mahnte an, ich solle auf die entsprechenden Bücher verweisen. Erst wenn ein weiterer Generationswechsel an den Hochschulen vollzogen ist, wird sich zeigen, ob und in welcher Weise sich internetbasierte Formen kollektiver Wissensproduktion an Schulen und Hochschulen niederschlagen.

Johanna Niesyto: Eine persönliche Frage zum Schluss: Was wünscht sich eine Governance-Forscherin für die Zukunft von Wikipedia und ähnlichen Projekten?

Jeanette Hofmann: Dass sie in ihrer personellen Zusammensetzung diverser und offener werden; dass sie Lernfähigkeit als essentielles Kompetenzmerkmal anerkennen, vielleicht ihre Besonderheit und Einzigartigkeit gelegentlich kritisch hinterfragen und, wie schon gesagt, dass sie mehr Bescheidenheit im Hinblick auf ihre Emanzipationserwartungen an den Tag legen.

Dr. Jeanette Hofmann forscht zurzeit über die Regulierung des Internet-Adressraums (IPv4/IPv6) und über Google Books. Derzeit arbeitet sie am ESRC Centre for Analysis of Risk and Regulation an der London School of Economics and Political Science.

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