Das Slow Media Manifest mit Wikipedia-Kommentar

Posted: September 21, 2010 at 10:14 am  |  By: Johanna Niesyto  |  Tags: , , ,  |  3 Comments

Autorin: Sabria David

Die Wikipedia ist ein faszinierendes Zeugnis kollektiver Autorschaft, zu Wissen verdichteter Open Content. Kann man sich diesem Phänomen mit dem Slow Media Ansatz nähern? Das Slow Media Manifest ist – obwohl es ein Manifest ist – kein Dogma, sondern eine Einladung zum Gespräch. Seit das Manifest Anfang des Jahres von Benedikt Köhler, Jörg Blumtritt und mir veröffentlicht wurde, haben Menschen in aller Welt diese Einladung angenommen und diskutieren in ihren Ländern über Sinn und Zweck eines Kriterienkatalogs für inspirierende Medien. Aber ist diese Theorie auch praktikabel? Und lässt sie sich auf ein Medium wie Wikipedia beziehen? Probieren wir es einfach aus.

Wir veröffentlichen hier das Slow Media Manifest in einer Kurzfassung und legen die 14 Thesen mit Blick auf Wikipedia aus (Auslegungen in kursiv). Weitere Kommentare und Ergänzungen sind ausdrücklich erwünscht und können in meinem Vortrag am Sonntag einbezogen werden.

Die vollständige Langfassung des Slow Media Manifestes befindet sich auf unserem Essay-Blog unter www.slow-media.net.

Der Wikipedia-Kommentar

Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts haben sich die technologischen Grundlagen der Medienlandschaft tiefgreifend verändert. Nun wird es darum gehen, angemessene Reaktionen auf diese Medienrevolution zu entwickeln – sie politisch, kulturell und gesellschaftlich zu integrieren und konstruktiv zu nutzen. Das Konzept “Slow” ist ein wichtiger Schlüssel hierfür. Analog zu Slow Food geht es bei Slow Media nicht um schnelle Konsumierbarkeit, sondern um Aufmerksamkeit bei der Wahl der Zutaten und um Konzentration in der Zubereitung. Slow Media sind auch einladend und gastfreundlich. Sie teilen gerne.

>>> Dies ist die Präambel. Die Online-Enzyklopädie Wikipedia ist zu Beginn des hier beschriebenen Zeitraumes (um die Jahrtausendwende) entstanden. In diesem ersten Jahrzehnt ihres Bestehens hat Wikipedia genau dies getan: Sie hat die technologischen Errungenschaften politisch, kulturell und gesellschaftlich integriert und konstruktiv genutzt. Sie ist auf Millionen von Einträgen angewachsen und im Alltag der Menschen verwurzelt.

1. Slow Media sind und wirken nachhaltig

Sie zielen auf Nachwirkung, werden fair und umweltgerecht herstellt. Nutzer kommen gerne zu ihnen zurück.

>>> Die Nachhaltigkeit von Wikipedia wäre so auszulegen: Wikipedia veraltet nicht, weil sie kontinuierlich mit dem Wissen ihrer Nutzer mitwächst. Von ihr gibt es keine überholte Auflage, sondern eine Versionshistorie von aufeinander aufbauenden Wissensschichten.

2. Slow Media fördern Monotasking

Sie laden die Nutzer ein, sich ihnen aufmerksam und konzentriert zu widmen. Nutzer vertiefen sich gerne in sie.

>>> Wikipedia-Autoren vertiefen sich in ihr eigenes Sachgebiet und konzentrieren sich darauf, diese Tiefe auch in den von ihnen bearbeiteten Artikeln weiterzugeben. Insofern fördert Wikipedia Monotasking. Bei den reinen Lesern von Wikipedia sieht es etwas anders aus. Hier wird eher der Homo Ludens in uns Nutzern herausgefordert, von einem Stichwort springen wir leichtfüßig von Querverweis zu Querverweis, bis wir plötzlich ganz woanders sind. Das freie Spiel der Gedanken und sich spontan entwickelnde Assoziationsketten sind – richtig angewendet – Inspiration und reinstes Kreativtätsfutter. Es kann aber auch im Arbeitsalltag die Konzentration von der Hauptaufgabe ablenken. Wikipedia fordert von ihren Lesern also auch, wieder vom Spiel ablassen zu können. Sie fordert die Fähigkeit ihrer Leser, zum Monotasking zurückzufinden.

3. Slow Media zielen auf Perfektionierung

Sie verstehen sich als lernenden Organismus, tauschen sich mit der Außenwelt aus und wollen sich kontinuierlich verbessern.

>>> Passt exakt auf Wikipedia. Ob dieses Ziel immer erreicht wird, ist eine andere Frage.

4. Slow Media machen Qualität spürbar

Sie sind gut gemacht und ihre Nutzer suchen diese Qualität gezielt auf.

>>> Wie für jede Enzyklopädie ist es auch das Ziel von Wikipedia, richtig und gut zu sein. Wie kann man eine höchstmögliche Qualität und Korrektheit der Beiträge gewährleisten ohne zugleich das kollaborative, antiautoritäre Grundprinzip der Wikipedia zu sabotieren? Eine klassische Wikipediafrage.

5. Slow Media fördern Prosumenten

Prosumenten entscheiden bewusst, wie sie Medien rezipieren und produzieren und beteiligen sich aktiv.

>>> Der ideale Wikipedia Nutzer ist Autor und Leser in einem – ein Prototyp des Prosumenten, der sich und sein Wissen einbringt.

6. Slow Media sind diskursiv und dialogisch

Sie suchen und ermöglichen das Gespräch, sprechen und hören zu.

>>> Wikipedia fördert Diskussion und Auseinandersetzungen. Jeder Wikipediabeitrag hat eine eigene Rubrik „Diskussion“, die Ergebnisse der Diskussion nehmen in der Versionshistorie Gestalt an. Bei Löschdiskussionen allerdings kann die gepflegte Diskursivität an ihre kritische Grenze stoßen.

7. Slow Media sind soziale Medien

Sie aktivieren die Entstehung von offenen Deutungs- und Interessengemeinschaften.

>>> Ja, alle Wikipediabeiträge – die kontroversen wie die einvernehmlichen – entstehen als soziale Handlung einer Gruppe von Autoren, die sich miteinander auseinandersetzt.

8. Slow Media nehmen ihre Nutzer ernst

Sie kommunizieren aufrecht, hierarchiefrei, freundschaftlich einvernehmlich und auf respektvolle Art kontrovers.

>>> So sollten Wikipedia-Autoren untereinander und mit ihren Lesern umgehen. Es ist natürlich Illusion zu erwarten, dass ein Werk wie Wikipedia ganz von selbst hierarchiefrei funktionieren könnte. Nur weil viele mitmachen bedeutet das noch lange nicht Demokratie – Kollaboration verlangt aktive Pflege, klare Regelungen und sinnvolle Strukturen.

9. Slow Media werden empfohlen

Sie rufen danach, zitiert, weitererzählt, verschenkt, geteilt und mitgeteilt zu werden.

>>> Wikipedia ist eine wichtige Referenzquelle für externe Beiträge. Sachgerechte Verlinkung ist sowohl innerhalb wie außerhalb der Wikipedia gewünscht.

10. Slow Media sind zeitlos

Sie sind vielschichtig und können auch Jahre später immer wieder neu rezipiert werden.

>>> Ja, siehe These 1, Nachhaltigkeit: Wikipedia wächst mit dem Wissen ihrer Nutzer mit und veraltet nicht.

11. Slow Media sind auratisch

Sie leben und strahlen eine Präsenz aus, die über das Material, auf dem sie dargereicht werden, hinausweist.

>>> Trifft ein Begriff wie „auratisch“ auf Wikipedia zu? Ich persönlich finde ja. Erstes kann man im Gegensatz zu reinen Fachenzyklopädien bei der Wikipedia auch so profane wie entzückende Entdeckungen wie die Friendly Floatees machen (Quietscheentchen, die nahe der Datumsgrenze einen Unfall haben, und damit der Meereströmungsforschung behilflich sind). Zweitens stoße ich als Leserin immer wieder auf Textstellen mit unwiderstehlichem sprachlichen Charme. Der Reiz besteht in einer Art ungeplanter Poesie, einer Poesie, die entsteht, ohne dass die Sachautoren poetisch sprechen wollen. Vielleicht strahlt hier die Begeisterung des Amateurs (also: Liebhabers) für seine Sache durch. Ein Beispiel für diese Art Wikipoesie ist der Satz „Das Okapi trägt ein schokoladenfarbenes Fell, das in einem rötlichen Glanz schimmert.“ Also wenn das keine Aura hat.

12. Slow Media sind progressiv

Sie bauen auf den Errungenschaften der Netzwerkgesellschaft auf und begegnen neuen  Medienmöglichkeiten offen und interessiert.

>>> Eindeutig ja (vgl. Präambel).

13. Slow Media zielen auf Verantwortung bei Rezeption und Produktion

Sie fördern einen mündigen Umgang mit Medien und suchen die Kontexte hinter den Informationen.

>>> Hierin sehe ich eine Herausforderung. Wikipedia ist eine wertvolle Quelle, muss aber als das gelesen werden, was sie ist – also als sich wandelndes Werk, in dem jeder seine Spuren hinterlassen kann, auch jemand, dessen Kompetenz sich im weiteren Verlauf als nicht ausreichend erweist. Wikipedia ist eben kein statisches Buch, sondern muss im Kontext ihrer Entstehung verstanden werden. Medienkritische junge Leser werden die Wikipedia nicht für das letzte Wort in allen Dingen halten und auch einen Blick hinter die Entstehungskulisse werfen.

14. Slow Media werben um Vertrauen und nehmen sich Zeit, glaubwürdig zu sein. Hinter Slow Media stehen echte Menschen. Und das merkt man auch.

>>> Der erste Satz der Wikiquette lautet: „Hinter jedem Beitrag zur Wikipedia […] steht ein Mensch.“ Während bei anderen Publikationen die Autorenhinweise aus reinen Formatvorgaben und Zitierweisen bestehen, lesen sich die Richtlinien für Wikipedia-Autoren wie die Grundregeln des menschlichen Miteinanders. Oder wie die Hausordnung einer Wohngemeinschaft, in deren Küche mehrere Köche miteinander auskommen müssen.

Stockdorf und Bonn, im Jahr 2010

Benedikt Köhler
Jörg Blumtritt
Sabria David

>>> Die Online-Enzyklopädie Wikipedia hat eine erst kurze aber beeindruckende Entstehungs- und Wirkungsgeschichte hinter sich. Sie ist Ausdruck für das, was mit einer Technik, die Kollaboration fördert, möglich ist. Gerade das Offene und Kollaborative ermöglicht die Abbildung von Prozessen, die sonst nicht sichtbar wären. Diese neuen Formen verlangen aber auch nach neuen Regeln, Gesetzmäßigkeiten und Vereinbarungen. Wikipedia ist die logische Konsequenz aus den neu entstandenen technologischen Möglichkeiten. Sie ist die evolutionäre Folge des Medienwandels (und nicht ihre Ursache, wie sie gelegentlich in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird). Aus der Perspektive Slow Media betrachtet ist die Wikipedia ein anpassungsfähiges Medium mit einigem Potential und erfüllt nahezu alle der entwickelten Kriterien.

Responses

  1. jbenno says:

    September 21st, 2010 at 12:33 (#)

    leider finde ich die Kommunikations-(Un-)Kultur auf Wikipedia gar nicht Slow.

    Klarer Widerspruch zu Punkten 6-8 im Manifest.

    Die Arroganz, anderen per Löschung oder Rückgängigmachen von Edits die eigene Meinung aufzudrücken und die Aggressivität, mit der dann – wenn überhaupt – darüber diskutiert wird, sind nicht besonders Dialogisch. Ich überlege es mir wirklich zweimal, ob ich es wagen soll, einen Artikel neu zu anzulegen und mich auf die unflätigen Beschimpfungen, die das fast sicher nachsichzieht, einlasse.

    Auch der Aspekt “Social Media” ist nicht mehr besonders stark ausgeprägt. Durch die Anmaßung selbsternannter Administratoren und Über-User werden Neuankömmlinge regelmäßig weggebissen.

    Als nächstes Punkt 8: die Reaktion des Wikipedia-Vereins auf die vollkommen berechtigte Kritik: “ist uns doch egal, weil wir eh nicht zuständig sind.”

    Daher ist mein Statement zu Wikipedia: sie ist überaus nützlich, ich nutze sie täglich, aber Slow ist sie nicht; leider.

  2. slow media » Critical Point of View:Diskurs in Theorie und Praxis says:

    September 28th, 2010 at 11:35 (#)

    […] Beispiel: Mein Wikipedia-Kommentar unseres Slow Media Manifestes, das ich vorab auf dem CPoV-Blog publiziert habe. Wikipedia aus der Perspektive Slow Media. Mein Beitrag nimmt eine empathisch-wikipedistische […]

  3. Wikipedia ist mehr als eine Enzyklopädie | Memetic Turn says:

    Dezember 17th, 2011 at 11:46 (#)

    […] habe oft über die schrecklichen Umgangsformen und die diskursive Dominanz einzelner auf Wikipedia geschimpft. Inzwischen bin ich überzeugt, dass es eine derartig starke Tendenz zur Selbstorganisation gibt, […]

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