Konferenzbericht Session I: Geschichte und Politik freien Wissens

Posted: September 25, 2010 at 8:12 pm  |  By: Tobias Prüwer  |   |  1 Comment

Autorin: Lisa Kuhley

Ulrich Johannes Schneider: Produktionsformen vernetzten Wissens seit der Aufklärung

Schneider leitet seinen Vortrag mit der Frage ein, ob Wikipedia genau genug ist für die Wissenschaft. Nicht unbedingt und an allen Stellen, beantwortet er diese Frage selbst, jedoch sei das keineswegs ein „Grund zum Ärgernis“.

Denn, in Abgrenzung zum Komplexitätsanspruch von WissenschaftlerInnen, identifiziert Schneider die Neuheit von Enzyklopädien gerade darin, dass diese Wissen in Artikelform brächten, auf eine allgemeine Sachebene bzw. strukturierte, homogene Oberfläche – sie machen es „ungründlich“ –, die sich durch eine Anwendungsorientierung auszeichnet.

Die ersten Enzyklopädisten Chambers, Zedler und Diderot wollten, so Schneider, konzertiert Fachinformationen zusammenbringen und nutzbar machen, indem sie Verständnisschwellen abbauten. Die Enzyklopädie solle – zumindest ihrer historischen Entwicklung nach – also als Hintergrundwissen dienen, als ausgelagertes, potentielles in der eigenen Alltagssprache formuliertes Wissen.

Die fächerübergreifende, systematische Relation des Wissens sei also ein Grundcharakteristikum dieser Wissensaufbereitung. Diese betreffe auch ein Komprimieren von Meinungen. Relation sei also auch immer Perspektivierung und „Zurechtschneiden“ von Wissen. Die spezifische Auswahl des zusammengestellten Wissens sei somit immer Produkt eines Kampfes um die Deutungshoheit verschiedener Wissenskonstruktionen auf dem jeweiligen Gebiet. In der Geschichte der Enzyklopädie habe hierbei natürlich auch immer eine Rolle gespielt, was die AutorInnen/RedakteurInnen für relevant hielten.

Abschließend bemerkt Schneider, Wissen in Enzyklopädien müsse in „Essensform“ vorliegen, es dürfe „nicht zu schwer verdaulich sein“. Er betont, dass der Erfolg der Enzyklopädien abhängig von ihrer Publikumsbindung sei. Historisch sei belegbar erkennbar, dass Enzyklopädie am erfolgreichsten waren, wenn sie in Kontakt mit einem Publikum entstanden und das Wissen liefern, was die Menschen interessierte. Die Aktualität sei somit auch ein entscheidender Langlebigkeitsvorteil von Wikipedia.

In der Diskussion im Anschluss wird die Publikumsbindung von Wikipedia in Frage gestellt. Wikipedia hat eher eine AutorInnenbindung, ein AutorInnenpublikum, was sich vielleicht von einigen NutzerInnen stark unterscheidet.

Felix Stalder: Vom freien Wissen zur demokratischen Wissensordnung

Bei seiner Diskussion von Wikipedia als freier Wissensordnung, legt Felix Stalder Wert auf die Unterscheidung zwischen der Definition einer allgemeinen freien Wissensordnung im Internet einerseits, und einer demokratischen Wissensordnung andererseits.

Bei ersterer ginge es primär um freie Partizipation, jedoch sei nur eine oberflächliche Dezentralisierung von Wissen gewährleistet, untergründig gehe dies mit einer Zentralisierung von Macht und einer Ökonominierung und kommerziellen Nutzung von Benutzerprofilen (Bsp. Facebook) einher. Eine wirkliche demokratische Wissensordnung schließe allerdings Machtmonopole und soziale Kontrolle aus. Diese könne über drei Charakteristika gewährleistet sein: 1. Eine hohe Qualität der aktiven Partizipation; 2. Die Verhinderung von Wissensmonopolen und 3. Der Schutz der minoritären Wissens (in Abgrenzung zu einer Diktatur der Mehrheit).

Eine Einordnung von Wikipedia zwischen eine bloß freie und eine demokratische Wissensordnung, nimmt Stalder über eine Betrachtung auf drei Ebenen vor: der öknomischen Praxis, der editorialen Praxis und der Selbstverwaltungsprozesse.

Über eine differenzierte Beurteilung kommt er (besonders in Bezug auf die das editoriale und ökonomische Modell der Enzyklopädie) zum optimistischen Schluss, dass es zwar viele Probleme gäbe, diese aber sichtbar seien, dokumentiert und diskutiert würden. Diese Strukturen zwängen Wikipedia dazu, immer wieder Korrekturen vorzunehmen und sich mit Problemen zu beschäftigen. Dies sei ein Grundsatz realer Demokratien.

Vom Publikum wird die Gefahr einer sozialen Schließung der AutorInnenschaft, die Stalder als problematisch in Bezug auf die editoriale Praxis von Wikipedia genannt hatte, kontrovers diskutiert. Die These einer Gefahr wird in Zusammenhang mit dem Wachstum der Enzyklopädie und einer Differenzierung gestellt, aber allgemein zugestimmt. Einigkeit scheint darin zu bestehen, dass sich die AutorInnen um gegenläufige Tendenzen, eine Öffnung, bemühen. Diese Bemühungen, so Stalder, hielten Frustrationen auf einem erträglichen Niveau.

Christian Stegbauer: Wikipedia – Von der Befreiungs- zur Produktideologie

Auf Basis eines Forschungsprojekts stellt Christian Stegbauer eine strukturalistische Kulturanalyse zur Entwicklung der Wikipedia an. Sein Vortrag basiert auf der zentralen These, dass bei der Wikipedia ein Institutionalisierungsprozess stattfand, der einher ging mit einem Wandel von einer Befreiungs- zur Produktideologie.

Die Gründungsideologie der Enzyklopädie, sei eine Befreiungsideologie gewesen, definiert über die Maxime, dass jeder sich beteiligen kann, um das Wissen der Welt zusammenzutragen. Es wäre hierbei also nicht um Expertenwissen gegangen, sondern um ein Untergraben von Autoritäten und eine Befreiung des Wissens aus dem Copyright, indem es Allen zur Verfügung gestellt wird.

Diese Befreiungsideologie sei vor allem auch in Bezug auf die Kommunikation gegenüber der Öffentlichkeit wichtig, mit ihr werbe Wikimedia z.B. für Spenden.

Dagegen entwickle sich im Zuge der Institutionalisierung (einer Verfestigung und Strukturierung kultureller Wertmuster) der Wikipedia eine Produktideologie, bei der es primär um Qualität und Wettbewerb mit anderen Enzyklopädien gehe.

Bedingt durch diesen Prozess, so Stegbauer, entstünden einerseits eine Konkurrenz zwischen unterschiedlichen Wikipedia-Identitäten in verschiedenen sozialen Positionen und andererseits Einbußen in der Gewinnung neuer MitarbeiterInnen. Die Befreiungsideologie locke zwar neue Mitglieder, sie bewähre sich aber nicht auf der Macroebene.

Als Gründe für diese Entwicklung stellt Stegbauer, im Rückgriff auf seine Studien, unter Anderem den Druck von außen (durch Medien etc.), aber auch das enorme Wachstum, das zwangsläufig zu einer Differenzierung der Struktur der Wissensaufbereitung führe.

Kritisch bemerkt er, dass das, was für die qualitative Verbesserung der Wissensaufbereitung notwenig sein möge, auf die Organisation übertragen zur Entdemokratisierung führe, und kommt zu folgender pessimistischen Prognose: Der Ideologiewandel spalte die WikipedianerInnen in IdealistInnen und RealistInnen. Immer weniger MitarbeiterInnen stünden zur Verfügung, so dass eine Verbesserung des Niveaus im Sinne der Produktideologie anzuzweifeln sei. Außenstehende könnten interne Diskussionen nicht mehr nachvollziehen, neue Teilnehmende würden durch die Produktideologie abgeschreckt, womit auch mehr Vandalismus entstünde.

In der Diskussion wird deutlich, dass sich viele WikipedianerInnen vom Vorwurf eine „Produktideologie“ zu vertreten, falsch verstanden fühlen. Vom Publikum wird außerdem kritisch hinterfragt, ob Produktideologie und Befreiungsideologie nicht von Anfang an ein Paradox, oder aber auch eine Stärke von Wikipedia seien und ob etwa der Begriff einer Fortschreitungsideologie oder gar eine Entideologisierung die Institutionalisierungsentwicklung Wikipedias treffender beschreiben könnten.

Responses

  1. Johanna Niesyto says:

    Oktober 1st, 2010 at 12:48 (#)

    (Hier noch meine Zusammenfassung als Ergänzung zu Lisa Kuhley.)

    In seinem Eröffnungsvortrag betonte Ulrich Schneider vor allem die Kontinuitäten in der Geschichte enzyklopädischen Wissens. Ein Kontinuitätsmoment sei im Anwendungsbezug zu finden. Bereits in Zedlers Universallexikon fände sich am Ende des Lemmas „Vanille“ ein ganz praktisches Rezept für die Herstellung von Vanille-Schokolade. Es gehe also darum, Wissen verständlich zu den Nutzer/-innen zu bringen und eine Pluralität von Wissen und Wissenschaften zu ermöglichen. Vor dem kulturhistorischen Hintergrund sei eben nicht die Frage nach der Genauigkeit die zentrale Frage, auch wenn diese Frage va. in den gegenwärtigen journalistischen Beiträgen über Wikipedia aufgegriffen werde – in der Geschichte der Enzyklopädien fände sich eine Geschichte der Kritik: Neue Enzyklopädien wollten immer schon besser sein als ihre Vorgängerinnen – das sei nichts Besonderes. Enzyklopädien hätten schließlich die Aufgabe, Wissen gewissermaßen ungründlich zu machen, indem sie Wissen „auf die Oberfläche ziehen“. Ulrich Schneider sieht in der Geschichte enzyklopädischen Wissens den ‚Mehrwert‘ va. im pragmatischen Anspruch. Auch im Internet solle Wissen in erster Linie schlau machen und anwendbar sein: „Enzyklopädien müssen in Essensform angeboten werden: gegliedert und strukturiert“, so Ulrich Schneider. Für ihn sind Enzyklopädien nur so gut, wie sie im Kontakt mit ihrem ‚Publikum‘ stehen. In der Diskussion sprach er sich für die Idee von Spezial-Enzyklopädien und Fachlexika aus, wie es sie immer schon gegeben habe; später verwies auch Peter Haber auf die Fortentwicklung von Spezial-Enzyklopädien am Beispiel der docupedia. Wie Verknüpfungen von Spezialenzyklopädien zur Wikipedia jenseits von Fachredaktionen zu gestalten sind, blieb allerdings eine offene Frage. In seinem zugleich informationsreichen und pointierten Vortrag blickte Ulrich Schneider zurück und nicht in die Zukunft, so dass primär folgende drei Punkte für die Diskussion über die Online-Enzyklopädie Wikipedia hervorzuheben sind:
    1) Kontinuitäten gibt es mehr als wir denken: Enzyklopädisches Wissen wollte quasi immer schon ins Internet.
    2) Es gibt nur Wissen und Wissenschaften im Plural, die mit unterschiedlichen Wissensstandards einhergehen und die in ihrer Breite Eingang in eine Enzyklopädie finden.
    3) Enzyklopädisches Wissen hat einen pragmatischen Anspruch als „Versorger im Hintergrund“: War es früher das Buch im Wohnzimmerschrank, ist es heute mit Wikipedia in den Alltag der Nutzer/-innen eingebettet.

    Von der Geschichte hin zur Politik freien Wissens führte der Vortrag von Felix Stalder. Dabei ging es ihm weniger um ein Ideal demokratischer Wissensordnung, sondern vielmehr darum real existierende Alternativen in der Diskussion als Ausgangspunkt zu wählen. Während „freies Wissen“ heutzutage zu den zentralen Begriffen im Informationskapitalismus zähle, stehe es noch aus, die Idee freien Wissen in einer Wissensordnung der Kontrolle zu kontextualisieren. Projekte könnten als Form des Spektakels gelesen werden, die von einer Differenz zwischen front-end (Oberfäche) und back-end, d.h. von einer Spannung zwischen Dezentralisation (front-end) und Zentralisation (back-end) genährt würde. Hierbei kritisierte Felix Stalder zuvorderst kommerzielle Projekte wie z.B. Facebook, in denen die Kluft zwischen Dezentralisation (front-end) und Zentralisation (back-end) am größten sei. Wikipedia hingegen bilde eine Alternative. Inwiefern Wikipedia auch zu einer demokratischen Wissensordnung beitrage, diskutierte er anhand folgender Fragen:
    1) Bezieht Wikipedia ihre Legitimation aus der aktiven Partizipation? In seiner ‚Bewertung‘ zog Felix Stalder einen eher ambivalenten Schluss. Einerseits sei die Plattform nach der dot-com-Blase entstanden, sodass es nie um Risikokapital gegangen sei und die Verwaltung der User (und ihrer Datenprofile) in der ökonomischen Praxis im Gegensatz zu kommerziellen Projekten nicht im Zentrum stand. Als alternatives Geschäftsmodell gehe es bei Wikipedia primär um die soziale Bindung der Community. Dabei gehe auf der Ebene der editorialen Praxis allerdings andererseits die Partizipation von einer kleinen Kerngruppe aus, die wesentlich zur Wikipedia beitrage.
    2) Verhindert Wikipedia Wissensmonopole? Durch ihre ökonomische Praxis trage Wikipedia zur Verhinderung von Wissensmonopole bei, steht sie doch für ein Gegenmodell proprietäres Wissen. Auch gebe es keine User-Profiling o.Ä., so dass man durchaus von einer Kongruenz zwischen front- und backend spreche könnte. Allerdings sei mit Blick auf die editoriale Praxis ein komplexes Regelwerk gewachsen und soziale Schließungsprozesse entstanden; letztere u.a. gefördert durch das Nicht-Vorhandensein klarer Konfliktmechanismen. Auf der Ebene der editorialen Praxis würden vor diesem Hintergrund Wissensmonopole eher gefördert.
    3) Schützt Wikipedia minoritäres Wissen auf der Ebene der editorialen Praxis? Zwar gebe es eine relativ schwach ausgeprägte Kontrolle über Themengebiete und eine große Zahl von Artikeln umfasse auch Randgebiete des sog. ‚Allgemeinwissens‘, allerdings würde minoritäres Wissen nicht wirklich geschützt, da in der Wikipedia „Diktatur des Common Sense“ vorherrsche, die sich als „Inklusion versus Löschen“ und „Fleiss versus Edits“ ausbuchstabieren ließe. Ablesbar sei diese „Diktatur des Common Sense“ z.B. daran, dass Kunst- und Kulturthemen sich nur schwer in der Online-Enzyklopädie durchsetzen könnten.
    Für Felix Stalder ist Wikipedia beides zugleich: eine Demokratie des Wissens und eine „Frustrationsmaschine“. Wikipedia gebe dennoch Grund zum Optimismus, da vor allem das ökonomische Modell die Plattform dazu zwinge ihre „Frustrationsmaschine“ in Grenzen zu halten: „Das ist sehr viel, weil der Hintergrund zur Beurteilung ist nicht die ideale Demokratie, sondern die reale Demokratie.“ Wikipedia sei ein Ansatz für ein neues ökonomisches Modell. In der Diskussion betonte er zudem, dass es wichtig sei, dass Wikipedia sich öffne und Kontakt mit ‚externem Wissen‘ suche, um der sozialen Schließung entgegen zu wirken. Projekte wie der Energie-Wettbewerb sind dafür ein Anfang, aber auch Bestrebungen ein Format für Printpublikationen zu finden. Hinsichtlich der Projekt-Entwicklung zog Felix Stalder zudem Parallelen mit dem Professionalisierungsprozess der NGOs in den 1990er Jahren. Aber kann man Wikipedia wirklich mit Greenpeace vergleichen? Ist die Organisation durch Wikipedia + Wikmedia nicht anders gestrickt, so dass die Frage nach Repräsentation und aktiver Partizipation anders zu stellen ist? Zwar gibt es auch bei Greenpeace Mitglieder und Aktivisten, allerdings ist Wikipedia + Wikimedia (noch?) nicht zugespitzt auf bestimmte Kampagnen, so dass man optimistisch Professionalisierung auch für das Thema „Designing Debate“ auf der Wikipedia erwarten dürfte, oder?

    Fragen nach der sozialen Schließung und der Professionalisierung behandelte auch Christian Stegbauer in seinem Vortrag. Er skizzierte einen Wandel von der Befreiungs- hin zu einer Produktideologie. Was ist mit diesen Begriffen gemeint? „Befreiungsideologie“ soll auf die ‚Gründungsideen‘ von Wikipedia hinweisen: Jede/r könne sich beteilige und sein Wissen in das große Ganze fügen. Mit dieser Ideologie habe man sich klar gegen sog. Expertenwissen gestellt. Hingegen meint Christian Stegbauer mit dem Begriff ‚Produktideologie‘, dass im jetzigen Stadium gesettelter kultureller Praktiken weniger der Partizipations- als der Qualitätsanspruch („bestes Wissen“) im Vordergrund stünde. Je nach Position im Netzwerk (IP bis hin zum Vandalenjäger) seien Ideologien in unterschiedlicher Weise vertreten, wobei der ‚einfache User‘ eher der Befreiungsideologie und der ‚Meta-Verwalter‘ eher der Produktideologie ‚anhänge‘. Der Wandel sei vor allem durch die Mesoebene vermittelt. Diskutiert wurde, ob man hier nicht einfach von Ausdifferenzierungsprozessen sprechen könne statt einen Ideologiewandel zu beschreiben. Zudem wurde angemerkt, dass sowohl Produkt- als auch Befreiungsideologie gleichzeitig zu denken seien, wären sie doch von Anfang an im Projekt angelegt. Würde man Produktideologie mit dem Begriff der Produktionsideologie ersetzen, so würde die beiden Begriffe – Befreiungs- und Produktideologie – weniger als gegensätzliche Pole, sondern als Kontinuum sichtbar. Christian Stegbauer beschrieb darüber hinaus eine Tendenz zur Negativ-Spirale: Gesettelte Institutionen der Wikimedia und Praktiken in der Wikipedia, die eine Produktideologie transportierten, seien nicht mehr attraktiv für neue Nutzer/-innen. Damit ist die Frage nach der Öffnung – wie sie auch von Felix Stalder formuliert wurde – entscheidend für die weitere Ausrichtung des Projektes.

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