Konferenzbericht Session III: Wikipedia und (politische) Bildung

Posted: September 26, 2010 at 8:10 pm  |  By: Tobias Prüwer  |  Tags: , , , , ,  |  1 Comment

Peter Haber: Zur Quellenkritik von Wikipedia. Ein Forschungsbericht
Anhand von Zwischenergebnissen aus einem Seminar an der Universität Wien im WS 2009/10 zeigt Peter Haber die qualitativen Unterschiede verschiedener Wikipedia-Artikel mit historischem Thema. In einem inhaltsanalytischen Vergleich verglichen die SeminarteilnehmerInnen insgesamt 20 Artikel der deutsch- und englischsprachigen Wikipedia mit Hinzunahme von Vergleichsgrößen wie Brockhaus miteinander. Der Vermutung folgend, dass zwischen den beiden Wikipedias verschiedene Qualitäten bzw. Qualitätsunterschiede feststellbar sind, wurden die Artikel aus den Themengruppen Begriffe, Epochen, Ereignisse, Personen, Methoden ausgewählt und nach Qualitätskriterien wie Richtigkeit, Objektivität, Verständlichkeit, Pluralismus und auch Orthografie bewertet.

Dabei wurden folgende Trends festgestellt: Die Länge eines Artikels korreliert nicht mit der Qualität des Beitrags, wobei die englischen Texte meist wesentlich länger sind als die deutschen. Die englischen Artikel sind dem Befund nach besser strukturiert, wobei die deutschen Negativbeispiele – etwa der Eintrag zur Antike – nicht falsch aber unbrauchbar sind. Bei den Literaturlisten finden sich zwar umfangreiche Angaben, rezipiert und referiert wird dann aber oft nur wenig davon, zum Teil sogar nur ein Werk. Auffallend in beiden Wikipedias sind die teilweise falschen Gewichtungen zugunsten von Trivia und Varia sowie nationale Besonderheiten bei der Beschreibung von Ereignissen und Biografien. Die Standardmeinung, Wikipedia eigne sich als ein Einstieg, so Haber, kann er nach der Auswertung nicht teilen. Und je komplexer ein Thema sei, desto weniger treffe der einführende Charakter auf die Einträge zu. „Viele Einträge enttäuschen“, würden aber Potenzial bergen, wenn man noch einmal darüber gehen würde, gerade, was die Strukturierung betrifft. Er selbst handhabe die Praxis des Wikipedia-Zitierens nicht per Verbot. Die Studierenden müssten aber erklären, wieso sie es tun. Damit erledigt sich vieles – etwa, wenn es nur aus Bequemlichkeit geschieht – von selbst. Zudem müsse digitale Medienkompetenz im Curriculum verankert werden.

In der Diskussion stimmten Wiki-AutorInnen zu, was die Qualität mancher Artikel betrifft: Fehlten Hauptautoren, dann blieben die Texte eben Patchwork. Auf die Frage nach dem Geschichtsbild bei Wikipedia formuliert Haber die Ad-hoc-These, dass eine ereignisorientierte Geschichte dank Wikipedia wieder mehr Fuß fassen könnte, weil gerade solche Artikel gut seien. Mit dem tradierten Geschichtsbild „große Männer machen große Geschichte“ könne demzufolge ein Backlash drohen.

Timo Borst: Medienkompetenz und Wikipedia
Risikokompetenz muss Teil sein von Medienkompetenz, dafür plädiert Timo Borst. Nachdem er drei Wissensauffassungen vorstellt, vormodern – (narrativ, enthält Meinungen, Aber-Glaube, Überlieferung, Erzählungen, ist anekdotisch und oft exklusiv für Eingeweihte), neuzeitlich (diskursiv, enthält argumentierte Meinung, ist intersubjektiv überprüfbar, methodisch gesichert, handlungsanleitend) und postmodern (um das Ende absolut gültiger Grundwahrheiten wissend, reflexiv, kontingent) zeigt Borst ihr Vorkommen im Web 2.0 auf. Dabei treten sie oft in Mischformen in Erscheinung. Wikipedia kennzeichnet er als postmodern und diskursiv, weil sie zwar die soziale Aushandlung von „Wahrheiten“ respektive Geltungsansprüchen beinhalte, aber auch auf klassische Formen der Qualitätssicherung wie Relevanzkriterien und Begutachtungen zurückgreife.

Weil Wissen im Web 2.0 durch ein Nebeneinander von den Wissensformen gekennzeichnet sei, so leitet Borst zum Thema Politische Bildung über, bleibe die drängende Frage, was die Popularisierung diskursiven Wissens und das Handeln unter den Bedingungen von Ungewissheit für die Ausbildung bedeute. Er hält so etwas wie Risikokompetenz wie sie bspw. in der Sportpädagogik bereits als Wagniserziehung bei Jugendlichen, im Risikomanagement beim unternehmerischen Handeln und bei der Sicherheitsforschung Betrachtung findet, für unabdingbar in Bildungsprozessen. Vor die Ununterscheidbarkeit zwischen Ungewissheit und Fachwissen gestellt, müssen Menschen über zwei Techniken verfügen: Das Problem auf klassische Art in Fachwissen überführen oder mit Heuristiken zu bewältigen. Kontextwissen sei aber, so entgegnet er in einer Frage innerhalb der Diskussion, nicht durch Techniken komplett ersetzbar, weil das eine Reduktion bedeute.

Ute Demuth: Das Kontroversitätsgebot und anderes, was politische Bildung und Wikipedia voneinander lernen können
Krankheitsbedingt wird der angekündigte gleichlautende Vortrag von Jöran Muuß-Merholz ersetzt. Die eingesprungene Rednerin betont eingangs, dass Demokratie gelernt werden müsse, weil Menschen nicht als politische Wesen geboren würden und verweist auf das lesenswerte Spiegel-Interview mit Oskar Negt. Hier werde formuliert, was das Ziel von politischer Bildung sein müsse: mündige BürgerInnen.

Eine Parallele zwischen Wikipedia und politischer Bildung sieht Demuth darin, dass beide um einen neutralen Standpunkt bemüht seien – lässt aber aus, was ein solcher ist und wie er zu bewerkstelligen sei. Sie berichtet von praktischen Erfahrungen aus der Erwachsenenbildung, in der Wikipedia u. a. Inhalt ist. Sie ist sowohl Werkzeug zur Recherche wie auch für das kollaborierte Schreiben. Dabei fällt ihr immer wieder die Schwierigkeit der Seminar-TeilnehmerInnen auf, die Anstrengung aufrechtzuerhalten, für den eigenen Text zu streiten. Sie fragt, ob das ein allgemeines Problem sei und wie man das löse.

Demuth nimmt zwischen der Nutzung von Wikipedia und dem Ansehen eine Diskrepanz wahr: Da könne ja jeder mitschreiben, weshalb nicht viel davon zu halten sei, höre sie oft. Dabei lasse sich am elektronischen Lexikon beispielhaft ablesen, wie sich traditionelle Rollenverständnisse auflösten: So, wie hier LeserInnen zu AutorInnen, LaiInnen zum ExpertInnen werden könnten, seien im Bildungsbereich Lehrende auch Lernende. Demuths Credo: Politische Bildung müsse eine Position zum kulturellen Wandel beziehen. Allein mit mehr Einsatz des Web 2.0 sei es nicht getan, ein Standpunkt müsse eingenommen werden – und zwar ein kritischer. Die anschließende Diskussion kreist um die Frage, wie man bei breiteren Bevölkerungskreisen mehr Vertrauen in die Wikipedia herstellen kann und zeigt eine Parallele zum Bildungsprozess: Sie bleibt ergebnisoffen.

Responses

  1. HelmutSchiestl says:

    Dezember 2nd, 2010 at 23:37 (#)

    Als wissenschaftlicher Laie kann ich – oft zu meiner eigenen Verwunderung nur sehr wenige Diskrepanzen zwischen Wikipedia und zu herkömmömmlichen Lexika feststellen, außer vielleicht dass manche Artikel zu lange sind, sich zu sehr mit sogenannten “Trivia” aufhalten und dadruch zu ausführlich sind und manchmal auch stillistisch gegenüber einem Lexikonartikel “aus dem Rahmen fallen”, was ich interessanterweise oft erst beim Lesen des ausgedruckten Textes feststelle, was auch ein bezeichnendes Bild auf die Wahrnehmung legt. Liest man einen Artikel nur kurz und vieileicht auch “nur überflugsmäßig” durch, vielleicht weil es nur indirekt mit dem Thema zu tun hat, das man gesucht hat, fällt das gar nicht so ins Gewicht. Ein Beispiel: Als im Jänner heurigen Jahres das Erdbeben in Haiti war, hab ich mir den Artikel über Haiti in der deutschen Wikipedia ausgedruckt und in Ruhe durchgelesen, und habe dann doch einige Stilfehler oder auch einfach nur Forumlierungsfehler entdeckt, die man natürlich auch korrigieren könnte. Das tat ich dann aber doch nicht, vielleicht auch nur, weil ich das nicht gewohnt bin, weil man es ja auch bei einem herkömmlichen Artikel – z.B. den Artikel einer Onlineausgabe einer Zeitung – nicht machen kann, aber ich konnte auch nach Überprüfung besagten Haiti-Artikels mit dem Eintag in einer gedruckten Länderenzyklopädie keine – zumindest gravierenden – Fehler oder Divergenzen entdecken. Was nun die Täuschung verschiedener historischer Epochen und Zeitläufe oder gar Ideologien betrifft, so würde ich mich hier natürlich nicbt nur auf Wikipedia verlassen, sondern selbstverständlich aucb gedruckte Artikel in Lekika und Enzykloädien zu Rate ziehen. Aber als sogenannte “Erstinformation” ist Wikipedia unschlagbar, in dem Sinne nämlich, alos man es, so man vor dem PC sitzt, einfach schnell abrufen kann, und die weiterführenden Links dann auch gleich weitere Infos liefern. Darin besteht natürlich auch eine Gefahr, die weniger in der Wikipedia an sich liegt, also in der eigenen Bequemlichkeit.

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