Wissenschaft und Wikipedia – eine „Zwangsehe“ mit Hindernissen?

Posted: Juli 22, 2010 at 9:31 am  |  By: Johanna Niesyto  |  Tags: ,

Autor: René König

Zwischen der Wissenschaft und der freien Online-Enzyklopädie Wikipedia herrscht Skepsis: Die einen fürchten, dass unter den Bedingungen egalitärer Wissensproduktion die wissenschaftliche Qualität leide, die anderen kritisieren die elitären Strukturen der akademischen Welt. Dabei sind beide aufeinander angewiesen: Die Enzyklopädie benötigt dringend die Expertise anerkannter Fachleute. Gleichzeitig sorgt die Popularität Wikipedias dafür, dass Einträge zu einem wissenschaftlichen Thema mitunter zum Aushängeschild eines Fachbereichs werden – unabhängig davon, ob sich seine Galionsfiguren daran beteiligt haben. Entsteht hier eine „Zwangsehe“ zwischen dem Wissenschaftssystem und Wikipedia?

„Publish in Wikipedia or perish“? Zur Relevanz Wikipedias für die Wissenschaft

Nature titelte „Publish in Wikipedia or perish“. Anlass war die neue Publikationspolitik des Journals RNA Biology, das seine AutorInnen künftig dazu nötigt, Zusammenfassungen ihrer Artikel in Wikipedia zu veröffentlichen. Der Fall zeigt eindrucksvoll, wie sehr die Online-Enzyklopädie inzwischen mit dem Wissenschaftssystem verwoben ist. Und es ist davon auszugehen, dass sich dieser Trend fortsetzen wird. Denn die nächste WissenschafterInnen-Generation scheint wenig Berührungsängste mit Wikipedia zu haben: Eine Umfrage unter deutschen Studierenden aus dem vergangen Jahr offenbarte, dass 80 % von ihnen häufig Artikel aus der Enzyklopädie lesen und ein Gros des Nachwuchses die hier vorgefundenen Informationen als verlässlich einstuft – meist zum Verdruss ihrer Lehrenden, die Wikipedia in der Regel kritischer betrachten als ihre Zöglinge und mitunter das Zitieren der freien Inhalte rigoros untersagen.

Debatten über Qualität

Diese Haltung scheint auch tatsächlich nicht unberechtigt zu sein. Immer wieder macht Wikipedia spektakuläre Negativ-Schlagzeilen, etwa wenn JournalistInnen Fehler aus der Enzyklopädie übernehmen, die dann auf diesem Weg in die etablierte Presse geraten. Solche Fälle sorgen dann dafür, dass die Qualität der Wikipedia und das in diesem Zusammenhang viel zitierte Konzept einer „Weisheit der Vielen“ (Surowiecki) generell hinterfragt werden.

Qualitätssicherungsmaßnahmen statt Anarchie

Dabei ist das Online-Nachschlagewerk weit weniger anarchisch organisiert als es viele erwarten. Den „Wikipedianern“ ist durchaus klar, dass Verfahren der Qualitätssicherung von Nöten sind, um derartige Fälle und den damit verbundenen Imageverlust zu vermeiden. Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von Maßnahmen, die Missbrauch verhindern und die Qualität steigern sollen: Artikel erscheinen als „ungesichtete Versionen“ bis sie von erfahrenen NutzerInnen geprüft werden, man kollaboriert in Portalen und Redaktionen und zeichnet besonders gelungene Artikel nach einem Review-Prozess als „lesenswert“ oder gar „exzellent“ aus. Gleichzeitig sorgen technische Funktionen wie „Beobachtungslisten“ dafür, dass Änderungen nicht lange unbemerkt bleiben. So kommt es, dass sich Artikel zwar auch ohne Anmeldung erstellen und editieren lassen, diese aber unter Umständen innerhalb weniger Minuten wieder gelöscht bzw. rückgängig gemacht werden.

Konflikte mit dem Wissenschaftssystem

Und dennoch gibt es zwei wesentliche Konflikte zwischen dem System der Wikipedia und dem der Wissenschaft: Erstens erfolgt die Qualitätskontrolle bei traditionellen akademischen Publikationen vor und nicht nach ihrer Veröffentlichung. Zweitens ist die Autorenschaft hier gewöhnlich klar nachvollziehbar. Sie ist gewissermaßen die „Währung“ akademischer Arbeit: Publikationen sorgen für Reputation, Reputation sorgt für ein Vertrauen in Inhalte. Beides ist bei Wikipedia nicht, bzw. nur eingeschränkt gegeben. So bleibt die Qualität der Inhalte von Wikipedia ein Unsicherheitsfaktor und die mangelnde Zurechenbarkeit der Autorenschaft lässt Anreize für WissenschafterInnen schwinden: Warum sollte man sich in Wikipedia beteiligen, wenn man den Beitrag nicht eindeutig für sich verbuchen kann und dieser womöglich noch ungewollt von anderen verändert wird?

Ignorieren zwecklos – Zur Entstehung einer Zwangsehe

Die Antwort dafür liegt auf der Hand: Es ist die Relevanz der Online-Enzyklopädie, die sie sowohl in der Öffentlichkeit als auch teilweise bereits in der Wissenschaft genießt. Sie ist nicht nur das beliebteste Nachschlagewerk im Internet, sondern auch eine der populärsten Webseiten überhaupt – mit entsprechend guten Suchmaschinen-Positionierungen, was diese Tendenz noch verstärkt. Ungeachtet dessen, ob es sich dabei um eine „Weisheit der Vielen“ handelt, oder um „Digitalen Maoismus“ (Lanier), muss man in Wikipedia wohl eine „Macht der Vielen“ erkennen, die sich kaum ignorieren lässt. Somit müssen wohl beide Seiten aufeinander zugehen und strukturelle und psychologische Barrieren abbauen. Denn es scheint, dass die Systeme Wissenschaft und Wikipedia tatsächlich in eine „Zwangsehe“ treten – trotz aller Hindernisse.

Die hier skizzierten Phänomene sind Gegenstand einer Untersuchung des Instituts für Technikfolgen-Abschätzung (ITA) zu Wissenschaft in Wikipedia und anderen Projekten der Wikimedia. Hintergrund ist das Projekt Interactive Science, das gefördert durch die VW-Stiftung, neue Formen der Wissenschaftskommunikation und ihre Folgen erforscht. Die Ergebnisse finden sich hier: http://www.oeaw.ac.at/ita/interactive

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