»Das Potential liegt darin, Konsumenten in Gestalter ihrer Wissensumgebung zu verwandeln«

Posted: Oktober 1, 2010 at 1:20 am  |  By: Tobias Prüwer  |  Tags: , , ,

Der Sozialwissenschaftler und Medienforscher Volker Grassmuck im Gespräch über freie Software, Wikipedia als Allmende und die Idee des informationellen Kommunismus.

Tobias Prüwer: Sie plädieren für mehr freie Software. Welches Potenzial sehen Sie in dieser? Und in welchem Verhältnis steht diese zur Wissensorganisation in digitalen Zeiten – davon einmal abgesehen, dass sie selbst natürlich auch Wissen ist?

Volker Grassmuck: Software ist Werkzeug und Arbeitsumgebung. Sie hat ihren Sinn nicht in sich, sondern im Hinblick auf die Probleme, die ich damit lösen, die kreativen Ausdrucksformen, die ich damit erschaffen kann. Software tut oft nicht genau das, was ich jeweils für meine Aufgaben benötige, und sie hat grundsätzlich Fehler. Die Freiheit, sie zu verbessern und weiterzuentwickeln sollte daher eine Selbstverständlichkeit sein. Die Entwicklung von Ward Cunninghams ursprünglichem WikiWikiWeb zum MediaWiki, auf dem die Wikipedia basiert, ist ein gutes Beispiel dafür.

Darin liegt das Potential, die Nutzer von Konsumenten in Gestalter ihrer Wissensumgebung zu verwandeln.

Prüwer: Der Trend scheint, sieht man sich die Nutzerzahlen von Facebook & Co. an, ja nicht gerade in Richtung Allmende zu gehen, sondern man verzichtet freiwillig auf seine Persönlichkeitsrechte und lässt andere mit den eigenen Daten sogar Geld verdienen. Warum gibt es keine „freien Assoziationen“ unter den Social Media-Angeboten?

Grassmuck: Was Facebook & Co. groß gemacht hat, ist der Wunsch, sich mit Freunden und Gleichgesinnten auszutauschen. Das ist eine notwendige, aber noch keine hinreichende Voraussetzung für eine Allmende.

Ich denke nicht, dass Menschen freiwillig – in einer freien Willensentscheidung – auf ihre Persönlichkeitsrechte verzichten. Vielmehr lesen die meisten von uns bei der Anmeldung die seitenlangen juristisch formulierten Nutzungsbedingungen schlicht nicht, sondern klicken auf „akzeptieren“ – was bleibt uns auch anderes übrig? – um es hinter uns zu bringen und einer Einladung zu folgen, Freunde zu finden oder sonst zu tun, was wir in diesen Netzen tun möchten.

Das heißt nicht, dass nicht immer einige von uns sich die Mühe machen, vor allem, wenn die Nutzungsbedingungen wieder einmal verändert und der Datenschutz noch weiter abgebaut wird. Die schlagen dann Alarm, lösen einen Proteststurm aus und verstärken den Wunsch nach freien Alternativen. Als vier New Yorker Studenten ein freies Software-Projekt zur Entwicklung eines verteilten und datenschützenden sozialen Netzwerks namens Diaspora starteten und auf Kickstarter um Spenden in Höhe von 10.000 US$ baten, kamen 200.000 US$ zusammen. Die Frage ist also nicht mehr, warum gibt es das nicht, sondern wann wird es das geben.

Prüwer: Was ist eigentlich freies Wissen? Meint es den kosten- und schrankenlosen Zugang zu diesem oder machtfrei angeordnetes/gesammeltes Wissen?

Grassmuck: Freies Wissen ist solches, das die Freiheit gewährt, es zu nutzen, weiterzugeben und zu verändern, ohne jemanden um Erlaubnis bitten zu müssen. Machtfreiheit ist eine große Idee. Natürlich ist auch demokratisch delegierte oder meritokratisch anerkannte Macht ebensolche. Sie kann sehr wohl produktiv sein. Problematisch wird Macht, wenn sie nicht entzogen werden kann und wir uns ihr nicht entziehen können.

Prüwer: Stellt Wikipedia eine Form freien Wissens da? Ist sie eine Wissensallmende oder würden Sie diese als etwas anderes bezeichnen?

Grassmuck: Natürlich ist Wikipedia eine Allmende: Eine Wissensressource, die von den Allmendgenossen, den Wikipedianern, gemeinsam und nachhaltig genutzt, entwickelt und geschützt wird. Sie ist Eigentum derjenigen, die sie schaffen und ihre Rechte daran ausüben, indem sie es frei-lizenzieren. Eine Wissensallmende kann, anders als eine natürliche, eine Weide oder ein Fischteich, von allen frei genutzt werden, weil sie sich in ihrer Nutzung nicht erschöpft, sondern im Gegenteil vermehrt. Deshalb ist sie genau kein gemeinfreies Gut (engl.: public domain). Sie muss von den Allmendgenossen gepflegt, gegen Spam und Entstellungen geschützt, aktualisiert und erweitert werden, um ihren Wert für ihre Autoren und die Welt zu behalten.

Prüwer: Der Streit um Wissen ist immer auch verbunden mit dem Streit um die „richtige“ Anordnung bzw. Darstellung dieses Wissens verbunden. Welche Anordnung befürworten Sie – und warum?

Grassmuck: Die Frage verstehe ich nicht. Die „richtige“ Anordnung von Wissen wird bedingt von der Frage, die ich jeweils an es richte. Sie ist keine Eigenschaft des Wissens, sondern eine Aufgabe an den Fragenden. Alles Wissen dieser Welt über Nylonstrumpfhosen oder Quantenphysik kann so systematisch, übersichtlich und frei-lizenziert zugänglich sein, wie es nur sein kann, wenn ich keine Frage an es richte, bleibt es für mich bedeutungslos.

Prüwer: Was ist der „informationelle Kommunismus“, den Sie beschreiben und was kann man sich von diesem erhoffen? Erfüllt das Internet ein Stück weit die Bedingungen der Möglichkeit kommender Demokratie?

Grassmuck: Ich bin sicher, als Robert Merton 1942 eine seiner vier Säulen der wissenschaftlichen Ethik mit „Kommunismus“ benannte, war er sich der Provokation bewusst. Was er damit meinte, hat nichts mit der Sowjetunion und nichts mit Demokratie gemein – Erkenntnis ist weder das Ergebnis eines Zentralratsbeschlusses noch einer Mehrheitsentscheidung –, aber alles mit der Allmende: Eine Gemeinschaft von Wissenschaftlern, die auf den Schultern ihrer Vorgänger gemeinsam Unbekanntes in Verstandenes verwandelt und Innovatoren Ankerkennung, aber keine Eigentums- also Ausschlussrechte an ihren Erkenntnisgewinnen gewährt. Die Wissenschaftlergemeinschaft war schon immer international, über alle Sprachbarrieren und Eisernen Vorhänge hinweg, deshalb war sie es, die als erste das Internet entwickelt und genutzt hat. Mit seiner Generalisierung hat sich auch diese wissenschaftliche Ethik generalisiert. Den Skandal eines Wissenschaftlers, der wichtige Durchbrüche erzielt hat, diese aber für sich behält, von dem Merton damals schrieb, empfinden wir heute ganz genauso gegenüber einem Software-Unternehmen, das seinen Quellcode geheim hält, oder gegenüber einem Enzyklopädie-Verlag, der verbietet, seine Artikel zu verbessern und weiter zu verbreiten. Was damals vielen Wissenschaftlern und einigen Künstlern offensichtlich war, ist uns heute dank so eindrücklicher Beispiele wie freie Software und Wikipedia allen offensichtlich geworden.

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