Forschungsinitiative

Die Wikipedia-Forschungsinitiative Critical Point of View (CPoV) ist ein Forschungsnetzwerk, das sich für eine unabhängige, kritische Wikipedia-Forschung einsetzt, die über die Frage  “Ist Wikipedia eine zitierfähige Quelle?” hinausgeht. Es geht vielmehr darum, Wikipedia in Beziehung zu setzen zu anderen Phänomenen wie Bildung, Governance oder Globalisierung sowie Wikipedia als Indikator für den sozialen und politischen Wandel der gegenwärtigen Informations- und Wissensgesellschaften zu lesen: Was sind offene Kollaborationsprozesse oder verteilte Ogranisationsformen? Wie mit Wikipedia als nicht-kommerzieller Plattform der Wissensproduktion kritische Einsichten in gegenwärtige sozio-politische Phänomene gewonnen werden können, steht deshalb im Mittelpunkt der Beschäftigung.

Als einer der größten, wenn nicht als größte Wissensreferenz unserer Zeit eröffnet uns Wikipedia kritische Einblicke zum gegenwärtigen Status quo von Wissen(sproduktion): Wie ist Wissen organisiert, wie funktioniert Wissen, welchen Einfluss hat Wissen, was sind Produktionsstile, -mechanismen der Konfliktschlichtung und Machterhaltung bzw. -wiederherstellung? Neue strategische und taktische Operationsmodi von Wissen/Macht sind hier am Werk. Dabei bleibt das Konzept des ‚Freien’ (free and open) selbst mehrdeutig und ist Projektionsfläche für durchschlagende Konzepte einerseits und die Maskierung agonistischer Konstellationen andererseits.

Jede neue Technologie modifiziert die Bedingungen der Möglichkeit für Wissen(sproduktion). Technologische Logiken und Wissen strukturierende und organisierende Prinzipien greifen hier direkt einander. Sowohl Medium als auch ‚Message’ reflektieren Ideen des (organisierten) Netzwerkes, der Multitude oder der Deleuzschen Maschine. Auf der Folie technologischer und normativer Bedingungen – die verteilte Netzarchitektur, die Wiki Software Plattform, freie Lizenzen und der FLOSS-Zeitgeist – konnte Wikipedia als die Enzyklopädie des Informationszeitalters entstehen. Wikipedia folgt dabei dem aufklärerischen, enzyklopädischen Impuls des sapere aude und transformiert ihn zugleich.

Die übergreifende Forschungsagenda ist entsprechend inter- und multidisziplinär ausgerichtet: von der philosophischen, epistemologischen und theoretischen Erforschung von Wissensartefakten über die Beleuchtung der Dimensionen kultureller Produktion und sozialer Beziehungen bis hin zur empirischen Untersuchung des spezifischen Phänomens ‚Wikipedia’. Gezielt sollen so Einsichten aus der theoretischen Reflektion in anwendungsbezogene Forschung übersetzt werden und umgekehrt.

Bislang wurden im Januar und März 2010 zwei Konferenzen in Amsterdam und Bangalore veranstaltet. Auch ist ein Reader geplant, der Ergebnisse und Diskussionen über die verschiedenen Themen (s.u.) bündeln wird. Von April bis September 2010 ist die redaktionelle Erstellung des Readers angesetzt.

Themen

  1. WikiTheorie
  2. Wikipedia und die Kritik an westlicher Wissensproduktion
  3. Geschichte der Enzyklopädien vom 18. bis zum 21. Jahrhundert
  4. WikiKunst
  5. Design: Interfaces für Diskussionen
  6. Kritik am Freien (open source, open content, open…)
  7. Globale Politik der Exklusion
  8. Wikipedia und Orte des Widerstands
  9. Wikipedia und Bildung
  10. WikipediaAnalytik und Software Studies

Produktionsdetails
Neben dem Aufbau eines Netzwerks kritischer Wikipediaforschung, das auf der Mailingliste, den Konferenzen und Blogs bereits Räume des Austauschs gefunden hat, ist unser Ziel, verschiedene Materialien für einen Wikipedia-Forschungsreader zu sammeln und diesen Ende 2010/Anfang 2011 in der INC Reader Serie zu veröffentlichen.

Forschungs- und Redaktionsgruppe
Geert Lovink and Sabine Niederer (Amsterdam), Nathaniel Tkacz (Melbourne), Sunil Abraham und Nishant Shah (Bangalore), Johanna Niesyto (Siegen), Margreet Riphagen (Amsterdam), Juliana Brunello (Amsterdam), Serena Westra (Amsterdam).

Mailingliste

Die englischsprachige Mailingliste ‘Critical Point of View’  finden Sie hier.