Konferenz

Vom 24. bis 26. September 2010 findet die Konferenz [[Wikipedia:Ein Kritischer Standpunkt]]
in der Universitätsbibliothek Leipzig sowie im Geisteswissenschaftlichen Zentrum der Universität Leipzig statt. Ziel der Konferenz ist es, Wikipedia-ForscherInnen, KritikerInnen und Community-MitgliederInnen für eine produktive, interdisziplinäre Auseinandersetzung mit dem Mainstream-Wissensmedium Wikipedia zusammenzubringen. Die deutschsprachige Wikipediaforschung soll damit sichtbarer gemacht und die Beschäftigung mit der Wikipedia in gegenwärtige Diskussionen um die Konstitution globaler sozio-technischer Informationsarchitekturen eingebettet werden. Die Konferenz ist öffentlich, es wird keine Teilnahmegebühr erhoben. Interessierte, SchülerInnen und StudentInnen sind herzlich willkommen!

Programmübersicht
Übersicht aller Vortragenden

Das Programm als PDF zum Herunterladen
Programmheft
Flyer

Themenschwerpunkte

Die fünf Themenschwerpunkte der Konferenz leiten sich aus der Bedeutung des Wikipedia-Projektes für eine Neukonfiguration von Wissens(re)produktion und deren Konsequenzen für Öffentlichkeit(en), Architekturen der Partizipation und politische Bildung in einer Mediendemokratie ab.

Geschichte und Politik freien Wissens

Wikipedia und der ihr zugrundeliegende Code schreiben die Geschichte von Enzyklopädien fort. Oft wird die Einleitung von D’Alembert zur Encyclopédie als eines der sichtbarsten Zeugnisse der Europäischen Aufklärung angeführt. Indem die Enzyklopädie in der französischen ‚Volkssprache’ und nicht in lateinischer Sprache verfasst wurde, zielten die Verfasser auf die Verbreitung bzw. Popularisierung von wissenschaftlichen Überlegungen innerhalb der Gesellschaft. Was kann aus der Analyse solcher historischer Vorläufer gelernt werden?
In ihrer Aktualität gilt die mehrsprachige Wikipedia-Plattform als eines der Erfolgsbeispiele für den Transfer von FLOSS (Free/Libre/Open Source Software)-Prinzipien auf die Ebene der Inhalteproduktion. Auf der Social-Web-Plattform versammeln sich unterschiedlichste Akteure, um Wissen darzustellen, über die ‚richtige‘ Darstellung von Wissen in der Öffentlichkeit zu diskutieren und Fragen des Zugangs zu Wissen anzugehen. Bei der Herstellung von Wissen als ‚common good‘ verschiedener sprachlich strukturierter Öffentlichkeiten in der Wikipedia bilden Konzepte des Freien bzw. Offenen (free knowledge/open source) den Kern. Was liegt aber hinter diesen Konzepten? Dienen sie gar als ‚leere Signifikanten’?

Moderation: Geert Lovink

Digitale Governance

Welche neuen Prozesse und Strukturen determinieren den (Nicht-) Zugang zu Wissen? Welche Beziehungen entstehen zwischen Wikipedia und externen gesellschaftlichen Institutionen wie z.B. Schulen? Wie ist ‚agency‘ innerhalb der Wikipedia verteilt? Solche Fragen der Selbstregulation sind eng verwoben mit dem Versuch, die Architekturen der Partizipation in der Wikipedia als Kollaboration bzw. ‘ad hoc meritocracies’ (Alex Bruns) zu beschreiben. Eine Analyse der Rekonfiguration des Politischen und neuer Formen der Schließungen blieb dabei bislang außen vor. Doch eine Auseinandersetzung mit der digitalen Governance bedeutet in erster Linie, dass die Rolle(n) und Ideologeme der MediaWiki-EntwicklerInnen sowie der institutionellen Hinterbühne (Wikimedia Foundation, Wikimedia Chapter) kritisch in Bezug zur Idee des ‚freien Wissens’ gesetzt werden.

Moderation: Johanna Niesyto

Wikipedia und (politische) Bildung

Zeitungen, Fernsehen, Radio und das Kino sind Gegenstand medienpädagogischer Analysen und haben innerhalb der Diskussionen ihren festen Platz gefunden haben. Obwohl im Bildungsalltag Wikipedia in Nutzungspraktiken – insbesondere bei Jugendlichen – Eingang gefunden hat, bedarf es dagegen noch einiger Anstrengungen, um ähnliche kritische Analysen für digitale Projekte wie die Wikipedia zu entwickeln. Wissen über die Wissensherstellung ist für den Bereich der politischen Bildung nicht nur eine Frage der Medienkompetenz, sondern auch eine Frage der Entwicklung eines kritischen, hinterfragenden Bewusstseins: Auf der Wikipedia versuchen unterschiedliche Akteure – von staatlichen über wirtschaftlichen bis hin zu zivilgesellschaftlichen Akteuren – Deutungshoheit über historische wie aktuelle Themen in so genannten ‘edit wars’ zu gewinnen. Die De- bzw. Rekonstruktion solcher politischen bzw. politisierten Kontroversen ist in der heutigen Informationsgesellschaft wichtiger Bestandteil für politische Bildung, um ein Verständnis für politische Kultur entwickeln zu können.

Moderation: Thorsten Schilling

Wissens(re)präsentationen

„Wikipedia is not a paper encyclopedia”, sondern ein digitales enzyklopädisches Projekt. Dabei dient die Plattform als Standardreferenz für gedruckte wie digitale Textartefakte. Damit verbunden sind neue Herausforderungen der Wissensrepräsentation wie Lang- und Kurzlebigkeit digitaler Artefakte, digitale Manipulation von Quellen, Überkreuzverweise und dynamische Kategorisierungen, denen Wikipedia begegnen muss. Wissensrepräsentation ist zugleich Wissenspräsentation und betont den hohen Stellenwert des Designs der Benutzeroberfläche: Wie beginnt die Suche? Wie werden Praktiken, Bezüge, Einordnungen, Aushandlungen und Versionsgeschichten auf der Design-Ebene sichtbar? Mit welchen Visualisierungen wird Aufmerksamkeit gelenkt? Welche Wissenskonzepte stehen hinter solchen Visualisierungen und graphisch gestalteten Interfaces?

Moderation: Ulrich Johannes Schneider

Die Zukunft der Wissensgesellschaft

Was kommt nach oder mit der Wikipedia? Welche Akteure — von der Politik und der Open-Source-Bewegung über Hochschulen, Bibliotheken, Museen, KünstlerInnen bis hin zu Medien und Usern etc – gestalten die Zukunft der Wissensgesellschaft? Welche Schließungs- und Öffnungsprozesse in der Produktion und Verteilung von Wissen können gegenwärtig beobachtet werden? Neben Fragen nach (De-)Zentralisierung, Kooperation und Konflikt muss eine Diskussion über die Zukunft der Wissensgesellschaft im Spannungsfeld von Wissen und Eigentum vor allem fragen, wie eine solche Zukunft offen gehalten werden kann und von wem.

Moderation: Johanna Niesyto

Konzept und Konferenzredaktion

Geert Lovink ist Medientheoretiker und -kritiker. Seit 2004 ist er Professor an der Hogeschool van Amsterdam und hat dort das Institut für kritische Netztheorie (Institute for Network Cultures) gegründet. In seinen Veröffentlichungen wie „Dark Fiber“ (2002), „Uncanny Networks“ (2002), „My First Recession“ (2003) oder „Zero Comments“ (2007) beschäftigt er sich mit Entwicklungen der Netzkultur. Geert Lovink ist einer der Initiatoren der Wikipedia-Forschungsinitiative CPoV.

Johanna Niesyto ist Doktorandin an der Universität Siegen und beschäftigt sich in ihrer Dissertation mit Wikipedia als Raum translingualer, politischer Wissensproduktion. Daneben ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fach Politikwissenschaft an der Universität Siegen. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen Transnationalisierung, Europäisierung, Öffentlichkeit, Partizipation, politische Netzkultur, Protestpolitik und politische Wissensproduktion. Johanna Niesyto ist eine der Initiatorinnen der Wikipedia-Forschungsinitiative „Critical Point of View“.

Andreas Möllenkamp ist Kulturwissenschaftler mit Schwerpunkt auf gegenwärtige Entwicklungen in Kultur und neuen Medien(-technologien). Seine Abschlussarbeit hat er zur Frage Wer schreibt die Wikipedia? verfasst. Darüber hinaus arbeitet er als Autor, Redakteur und Veranstaltungsmanager für unterschiedliche Institutionen, Print- und Onlinemedien. Er ist Gründungs- und Vorstandsmitglied bei cultiv – Gesellschaft für internationale Kulturprojekte e.V.

Fotos