Wissen in Zeiten von Wikipedia

Posted: August 19, 2010 at 4:43 pm  |  By: Johanna Niesyto  |  Tags: , , , , ,  |  1 Comment

Autor:  Wolfgang Ernst (Humboldt-Universität zu Berlin, Medientheorien)

Es gehörte zu Theodor Holm Nelsons ursprünglichem Entwurf (und im Konzept Xanadu fortwährenden) von Hypertext als docuverse, alle jeweiligen Versionen eines Textes, auch in zeilen- und wortweisen Überschreibungen, zu bewahren (layering), resultierend in einem Palimpsest, das nicht nur räumliche, auch zeitliche Querverweise erlaubt: hypertime.[1] Der Begriff der Enzyklopädie verweist noch auf das panoptische Regime und die Räumlichkeit der Typographie als Dispositiv; an deren Stelle tritt nun eine dynamische Ordnung vernetzter Zeit, eine ephemäre Chronotopologie im Fließgleichgewicht.[2] Die technischen Dispositive machen hier den Unterschied. Der Buchdruck, die Medientechnik des enzyklopädischen Wissens, steht für die dauerhafte, unumschreibliche Fixierung und die Form des Read-Only Memory (ROM). Eine ganz andere Ordnung des Wissens ist bereits in photographischen Bildalben angelegt, etwa die Phototafeln von Aby Warburgs Mnemosyne-Atlas in ihrer operativen Form.[3] Zeitigte die mediale Botschaft des elektronisches Bildes, nämlich seine essentielle Flüchtigkeit, einst unter dem entsprechenden Begriff Fluxus in Form prägnanter Videoarbeiten eine wirkliche Medienkunst im ästhetischen Feld, ergreift diese Temporalisierung im World Wide Web nun auch die Wissensräume. Mobile media sind nicht nur die technologische Form aktueller Kommunikation, sondern sie definieren auch die Form ihrer Aussagen. Verkörpern klassische Enzyklopädien mit ihren festgesetzten Verweisen eine Art diagrammatische Buchmaschine, können hypermediale Adressen elektrodynamisch umgeschrieben werden. Das Internet ordnet Wissen in Form einer offenen, nicht mehr durch das Format des Buches geschlossenen Enzyklopädie. Es hierarchisiert dieses Wissen nicht mehr bibliotheksförmig, sondern es korreliert mit der sogenannten chaotische Lagerung aus der Ökonomie der Warenspeicherung: „The more serious, longer-range obstacle is that much of the informationon the Internet is quirky, transient and chaotically ’shelved'“[4] – die Wahnvorstellung der Bibliothekare. Das Internet ist nicht das erste globale Gedächtnis der Kulturen, sondern vielmehr ein flüchtiger Zwischenspeicher, ein prinzipielles Random Access Memory.

Doch das Internet ist höchst archivförmig organisiert, und das in dem Sinne, der Archive von Bibliotheken unterscheidet: im Verborgenen, wenn nicht gar Geheimen (archivium secretum). Das Archiv hinter dynamischen Wissensformaten wie Wikipedia sind die Protokolle ihrer Adressier- und Verfügbarkeit.[5] Komplementär dazu bleiben auch vorherige Versionen von Einträgen in die online-Enzyklopädie Wikipedia zugänglich. Optional bildet sich damit ein Archiv (als Grundlage für die philologische Kunst der zukünftigen „kritischen Edition“) in Kombination mit permanenter Aktualisierbarkeit. Ein theoretisches Modell dafür liefert bereits G. W. F. Hegels Enzyklopädie in seiner systematischen Unterscheidung von technischem Gedächtnis und aneignender Erinnerung. Henri Bergson betont in seinem Werk Matière et mémoire gegenüber dem mechanischen Akt von Gedächtnisoperationen, daß die Aktualisierung von Vergangenheit im Bewußtsein als ständige Variation geschieht, nicht als identischer Abruf fest adressierbarer Information aus dem Speicher. Vergangenheit als Gedächtnis und gegenwärtige Handlung schließen sich nicht mehr gegenseitig aus; nicht länger ist das Gedächtnis eine nachträgliche Einrichtung der Aktion, sondern mit ihr latent koexistent, ihr speicheradressierbarer Schatten. Die medientechnische Begründung (also medienarchäologische Lage) für diese realtivische Verschränkung zweier Zeitweisen ist die elektronische Schaltung.

Nicht nur die Infrastruktur des Internet ist radikal post-struktural, also mit zeitkritischen Vektoren versehen, sondern auch die darauf bauende Wissensökonomie. Internetbeiträge werden in wissenschaftlichen Aufsätzen nicht nur mit ihrer medienlogischen Ortsangabe (URL) und der Jahreszahl oder Monate in Tradition klassischer Bücher oder Zeitschriftenaufsätze zitiert, sondern mit ihrer minutengenauen „Abrufzeit“. Ein Wikipedia-Artikel (Eintrag „Brownsche Molekularbewegung“) ruft ausdrücklich dazu auf: „Klicke auf einen Zeitpunkt, um diese Version zu laden.“[6] Damit wird das Wissens selbst zeitkritisch, radikaler als der Langzeitanspruch des Wissens von in Bibliotheken aufgehobenen Enzyklopädien, deren Gültigkeit in der Gutenberg-Ära durch aktualisierende Neuauflagen skandiert war. Ist es bislang die Aufgabe klassischer Archive, Rechtsansprüche und Wissen auf Dauer in einer je festgelegten Form und symbolischen Ordnung zu bewahren, obliegt das Wissensfeld namens Internet einer höchst andersartigen Dynamik der Aktualisierung in Permanenz. Die Ökonomie, die in dieser grundsätzlichen Temporalisierung des Wissens waltet, ist zeitkritischer Natur. Der wissensökonomische Tausch lautet fortlaufende Aktualität (um den Preis der Flüchtigkeit) versus dauernde Gültigkeit („flow“ und „streaming“ versus Monument). Diese Chronologik läuft auf das Provisorische hinaus; die zeitliche Endlichkeit ist hier von Beginn an mit eingeplant. Paratextuelle Datierungsangaben wie „last modified“ und „accessed“ deuten es an: Zeitkritische Chronoheterotopien treten an die Stelle klassischer Wissensräume.[7] Der Begriff der Enzyklopädie verweist noch auf das panoptische Regime (und die Räumlichkeit der Typographie als Dispositiv); an dessen Stelle tritt nun eine dynamische Ordnung vernetzter Zeit, eine Chronotopologie im Fließgleichgewicht.


[1] Theodor Holm Nelson, Literary Machines, Sausalito, Calif. (Mindful Press) 1981

[2] Siehe W. E., Temporary items: Die Beschleunigung des Archivs, in: Immanuel Chi / Susanne Düchting / Jens Schröter (Hg.), ephemer_temporär_provisorisch (= Schriftenreihe des Instituts für Kunst- und Designwissenschaften (IKUD) der Universität/GH Essen, Bd. 6), Essen (Klartext) 2002, 77-88

[3] Aby Warburg, Der Bilderatlas MNEMOSYNE, in: ders., Gesammelte Schriften, Zweite Abteilung, Bd. II. 1, Studienausgabe, hg. v. Horst Bredekamp / Michael Diers / Kurz W. Forster / Nicolas Mann, Salvatore Settis u. Martin Warnke, Berlin (Akademie) 2000

[4] Editorial: The Internet. Bringing order from chaos, in: Scientific American 276, Heft 3 (1997), 49

[5] Alexander Galloway, Protocol. How Control Exits after Decentralization, Cambridge, Mass. / London (MIT) 2004

[6] http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:BrownBew2dim.png (Stand: 12. Dezember 2006, 18:29)

[7] Siehe Michel Foucault, in: Karlheinz Barck / Peter Gente / Heidi Paris / Stefan Richter (Hg.), Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik, Leipzig (Reclam) 1990, 34-46

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Typoskript zur Schrift IRRITATIONEN: MEDIENINDUZIERTE ZEITAFFEKTE (= Bd. II der geplanten dreibändigen Reihe ZEITWE(I)SEN UND ZEITGABEN VON MEDIEN. Eine Archäographie chronotechnischer Instanziierungen), Kapitel „Zeitkritik der symbolischen Kommunikationsmedien“, demnächst: Berlin (Kulturverlag Kadmos).

Responses

  1. Horatiorama says:

    August 20th, 2010 at 12:05 (#)

    Sehr interessanter Post. Dennoch fehlt mir da u.a. Halbwachs, und auch ältere Memoria-Metaphern, die bereits die Unterscheidung zwischen Gedächtnis und Erinnerung treffen (cf. Assmanns). Im Übrigen (das ist bei Spenser sehr schön modelliert) ist der Unterschied zwischen Bibliothek und Archiv nicht zwangsläufig so deutlich. Gerade heutige Freihandbibliotheken scheinen sich immer mehr in Archive ohne Archivar, ohne Katalog und Register (Adressier- und Verfügbarkeit) zu verwandeln. Wie viele Bücher da verstellt sind… Wie viele Bücher nie entliehen werden… Aber sei es drum, was noch viel wichtiger ist, ist das Faktum, dass das Internet als solches nicht an sich archivförmig aufgebaut ist. Wikipedia mag über die Delta-Speicherung alle möglichen Versionen eines Artikels bewahren, der größte Teil des Internets tut das nicht. Deswegen ja auch z.B. archive.org in den USA. Auch auf eine andere Art hat das Internet (wenn es denn archiviert) nichts mit einem Archiv zu tun. Und dieser Punkt liegt in der Nutzung, in dem, was Lanier als Information als „alienated experience“ beschreibt (YANAG, S. 28f).

    Oder so…

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