{"id":448,"date":"2010-09-01T11:17:19","date_gmt":"2010-09-01T09:17:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cpov.de\/?p=448"},"modified":"2010-09-01T17:47:07","modified_gmt":"2010-09-01T15:47:07","slug":"wikipedia-als-doppeltes-untersuchungsobjekt-der-governance-forschung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.cpov.de\/?p=448","title":{"rendered":"Wikipedia als doppeltes Untersuchungsobjekt der Governance-Forschung"},"content":{"rendered":"<p><em>Die Forscherin Jeanette Hofmann im Interview \u00fcber Internet-Governance als Prozess und Wikipedia als zentrales Untersuchungsobjekt f\u00fcr aktuelle Governance-Entwicklungen. <\/em><\/p>\n<p><strong>Johanna Niesyto:<\/strong> Sie forschen intensiv zu Internet-Governance als Prozess und befassen sich insbesondere mit dem Spannungsfeld von Hierarchie und Selbstregulation in der Governance des Internets und in der Governance im Internet. Welchen Stellenwert sprechen Sie in Ihrer Auseinandersetzung der Technizit\u00e4t des Mediums zu?<\/p>\n<p><strong>Jeanette Hofmann:<\/strong> Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten, ohne Missverst\u00e4ndnisse hervorzurufen. Einerseits gibt es in der techniknahen Politik- und Sozialforschung keine gr\u00f6\u00dfere S\u00fcnde als sich des Technikdeterminismus schuldig zu machen, entsprechend sollte man den Stellenwert der Technik innerhalb gesellschaftlicher Kontexte keinesfalls zu hoch aufh\u00e4ngen. Andererseits wird den empirischen Sozialwissenschaften zu Recht der Vorwurf gemacht, der Technisierung und Informatisierung moderner Gesellschaften nicht hinreichend Beachtung zu schenken.<!--more--> Aus meiner Sicht kommt der Digitalisierung eine enorm wichtige Rolle zu. Allerdings gilt es dabei zu bedenken, dass die Digitalisierung diese Bedeutung unter bestimmten, relativ innovationsfreundlichen Rahmenbedingungen entfalten hat. Es ist vorstellbar, dass die Eigenschaften des Digitalen unter restriktiveren gesellschaftlichen Bedingungen einen wesentlich geringeren Einfluss ausge\u00fcbt h\u00e4tten. (Ich w\u00fcnschte mir, es h\u00e4tte mal jemand ein Szenario entwickelt, das die Ausbreitung des Internet unter den Bedingungen des ostdeutschen Sozialismus durchspielt.) Es ist \u00fcberhaupt nicht sicher, dass dieser Respekt vor der Entwicklungsoffenheit und Kreativit\u00e4t in digitalen Umgebungen, der die Fr\u00fchphase des Internet charakterisiert hat, auch k\u00fcnftig erhalten bleibt.<\/p>\n<p><strong>Johanna Niesyto:<\/strong> In Ihrer Analyse der Internet-Governance identifizieren Sie verschiedene Phasen: Eine erste Phase des technischen Regimes, in der Legitimit\u00e4t nicht auf repr\u00e4sentativen Verfahren, sondern auf der Verwirklichung eines anspruchsvollen Konsens basiert: \u00bbWe reject kings, presidents and voting. We believe in rough consensus and running code\u00ab (Dave Clark); eine zweite Phase der Institutionalisierung von Governance (z.B. Herausbildung der ICANN) sowie eine dritte Phase der Neukonfiguration der Akteure und einer Verschiebung der Handlungsformen, die die institutionelle Regelung infrage stellten und z.B. zur Entstehung des Internet Governance Forums f\u00fchrten. Inwiefern schlagen sich diese Phasen auch in der Governance einzelner Projekte nieder?<\/p>\n<p><strong>Jeanette Hofmann:<\/strong> Dieser Phaseneinteilung liegt ein Begriff von Internet-Governance zugrunde, der sich noch sehr stark an der Regulierung kritischer Internetressourcen (Domainnamensystem, IP-Adressen) orientierte. Internet-Governance als Problemstellung hat sich urspr\u00fcnglich um die Frage der Autorit\u00e4t und Legitimit\u00e4t in der Verwaltung der transnationalen technischen Infrastruktur des Netzes entwickelt. Im Zuge des UN Weltgipfels zur Informationsgesellschaft hat sich die Reichweite des Begriffs dann deutlich ausgedehnt und weitere Handlungsfelder bzw. Problemstellungen integriert, z.B. Fragen des Zugangs, der Entwicklungsvielfalt, des Datenschutzes, der Sicherheit, etc. Obwohl ich dieses urspr\u00fcngliche Phasenmodell heute nicht mehr verwende, halte ich an der Idee von Entwicklungsphasen in der Regulierung des Internets weiterhin fest. In einer vergleichenden Studie, die zusammen mit Sebastian Botzem entstanden ist, haben wir eine Art Spiralbewegung in der transnationalen Regulierung beobachtet. Phasen der privaten Selbstregulierung werden von st\u00e4rkeren staatlichen bzw. internationalen Eingriffen abgel\u00f6st, denen wiederum Anspr\u00fcche der Selbstregulierung folgen. Wir sprechen von Spiralbewegungen, weil \u2013 anders als bei einem Pendel \u2013 keine R\u00fcckkehr zum Ausgangspunkt stattfindet. Eine neue Akteurskonfiguration und sich weiterentwickelnde Regulierungspraktiken treten an die Stelle der Ausgangsposition. Solche Spiralbewegungen lassen sich f\u00fcr verschiedene Politikfelder diagnostizieren \u2013 wir haben Internet-Governance und die Standardsetzung im Bereich der Rechnungslegung (accounting) verglichen; die Regulierung des Finanzsektors passt auch in dieses Bild. Auf der Projektebene zeigen sich andere Dynamiken, die nicht in den Kategorien \u00f6ffentlich\/privat zu fassen sind.<\/p>\n<p><strong>Johanna Niesyto:<\/strong> Warum ist das Wikipedia-Projekt f\u00fcr die Governance-Forschung so interessant? Was unterscheidet es von anderen (freien) Internetprojekten?<\/p>\n<p><strong>Jeanette Hofmann:<\/strong> Pers\u00f6nlich finde ich am Wikipedia-Projekt interessant, dass es Fragen der Selbstregulierung mit der epistemischen Dimension der Wissensgenerierung verkn\u00fcpft: Wie bestimmen wir die G\u00fcte von Aussagen, wie markieren wir ihre G\u00fcltigkeitsgrenzen, wie pr\u00e4sentieren wir den Wandel, unsere Unsicherheit und die existierenden Konflikte \u00fcber Wissen? Obwohl die moderne Idee des Fortschritts die Verg\u00e4nglichkeit und Kontextabh\u00e4ngigkeit von Wissen zum Allgemeinplatz gemacht hat, bleibt es ein Problem, diesem Umstand in der Darstellung von Fakten und Daten gerecht zu werden. Im Wikipedia-Projekt, das die wohl unausweichlichen Konflikte um die angemessene Repr\u00e4sentation gesellschaftlicher Wirklichkeit halb-\u00f6ffentlich austr\u00e4gt, findet die Governance-Forschung daher ein doppeltes Forschungsobjekt: die sich dynamisch entwickelnden Regulierungspraktiken und -regeln der Autoren sowie das sich wandelnde Produkt, die kollektiv erzeugten oder zumindest verantworteten, dem sogenannten Neutralen Standpunkt entsprechenden Artikel. F\u00fcr akademische Forscherinnen sind das Prinzip und die Praxis der wissenschaftlichen Selbstverwaltung ja nichts Neues. Insofern l\u00e4sst sich auf Wikipedia ein vergleichender Blick werfen.<\/p>\n<p><strong>Johanna Niesyto:<\/strong> Auf der CPOV-Konferenz in Amsterdam haben Sie das Aushandlungsmoment von <a href=\"http:\/\/networkcultures.org\/wpmu\/cpov\/2010\/03\/26\/hofmann-wikipedia-between-emancipation-and-selfregulatio\" target=\"_blank\">Emanzipation und Regulation am Beispiel der Wikipedia<\/a> betont. Inwiefern ist diese Gleichzeitigkeit Chance und\/oder Hindernis f\u00fcr die Entwicklung freier Internetprojekte?<\/p>\n<p><strong>Jeanette Hofmann:<\/strong> Ich w\u00fcrde in diesem Zusammenhang nicht von Chance oder Hindernis sprechen. Mir ging es um die Beleuchtung typischer Entwicklungsverl\u00e4ufe freier Projekte. H\u00e4ufig sind diese durch gro\u00dfe Euphorie in der Startphase und durch ebenso gro\u00dfe Ern\u00fcchterung und Frustration in der Reifephase gekennzeichnet. Ich habe die von Boaventura de Sousa Santos entlehnten Begriffe Emanzipation und Regulierung verwendet, um auf ein unaufl\u00f6sbares Spannungsverh\u00e4ltnis in jedweden gesellschaftlichen Formationen hinzuweisen: das jeweils neu auszutarierende Verh\u00e4ltnis zwischen Erfahrungen und Erwartungen an die Zukunft. Regulierung, wie Santos es versteht, besteht aus einem Satz von Normen und Regeln, die den Abstand zwischen eigenen oder kollektiven Erfahrungen und Erwartungen regulieren. Emanzipation zielt dagegen darauf, diesen Abstand zu vergr\u00f6\u00dfern, also h\u00f6here Erwartungen zum allgemeinen Handlungs- oder Bewertungsma\u00dfstab zu erkl\u00e4ren. Freie Projekte zeichnen sich in der Regel durch eine gro\u00dfe Diskrepanz zwischen gelebten Erfahrungen und Erwartungen aus. Die Entt\u00e4uschungen w\u00fcrden vielleicht geringer ausfallen, wenn die Emanzipationsanspr\u00fcche etwas niedriger geh\u00e4ngt w\u00fcrden.<\/p>\n<p><strong>Johanna Niesyto:<\/strong> Die Bedeutung von Wikipedia im Internet ist unbestritten und steht paradigmatisch f\u00fcr die Entstehung neue Keyplayer wie Google oder Facebook. Inwiefern ver\u00e4ndern sich mit dem FREIEN Internetprojekt Wikipedia Konstellationen digitaler Governance?<\/p>\n<p><strong>Jeanette Hofmann:<\/strong> Konstellationen digitaler Governance ist mir ein zu abstrakter Bezugsrahmen. Wesentlich erscheint mir die Rolle und das Potential von Wikipedia im Zusammenhang von Wissens- oder Informations-Governance, also Fragen des Zugangs zu Wissen, der Rechte, der Kommerzialisierung, der Transparenz und Diskursivit\u00e4t, der Autorenschaft und der fragw\u00fcrdigen Grenzen zwischen professionellen und nicht-professionellen Autorinnen, etc. Die demokratische Dimension in der Verbreitung und Anverwandlung von Wissen ist bei Wikipedia mit H\u00e4nden zu greifen, w\u00e4hrend sie an den Universit\u00e4ten vollkommen in den Hintergrund getreten ist.<\/p>\n<p><strong>Johanna Niesyto:<\/strong> Betrachtet man die Beziehungen zwischen Wikipedia und externen gesellschaftlichen Institutionen, verschieben sich dann Governance-Strukturen bzw. finden \u00dcbersetzungsprozesse digitaler Governance statt?<\/p>\n<p><strong>Jeanette Hofmann:<\/strong> Es ist wohl zu fr\u00fch, um diese Frage zu beantworten. Wikipedia hat bis heute an vielen Fachbereichen einen schweren Stand. Ein Gutachter zu einem Artikel, den ich dieses Jahr ver\u00f6ffentlicht habe, beanstandete die Refererierung von Wikipedia als Quelle. Meine \u00dcberlegung war, dass Wikipedia-Quellen leichtzug\u00e4nglich sind; der Gutachter aber mahnte an, ich solle auf die entsprechenden B\u00fccher verweisen. Erst wenn ein weiterer Generationswechsel an den Hochschulen vollzogen ist, wird sich zeigen, ob und in welcher Weise sich internetbasierte Formen kollektiver Wissensproduktion an Schulen und Hochschulen niederschlagen.<\/p>\n<p><strong>Johanna Niesyto:<\/strong> Eine pers\u00f6nliche Frage zum Schluss: Was w\u00fcnscht sich eine Governance-Forscherin f\u00fcr die Zukunft von Wikipedia und \u00e4hnlichen Projekten?<\/p>\n<p><strong>Jeanette Hofmann:<\/strong> Dass sie in ihrer personellen Zusammensetzung diverser und offener werden; dass sie Lernf\u00e4higkeit als essentielles Kompetenzmerkmal anerkennen, vielleicht ihre Besonderheit und Einzigartigkeit gelegentlich kritisch hinterfragen und, wie schon gesagt, dass sie mehr Bescheidenheit im Hinblick auf ihre Emanzipationserwartungen an den Tag legen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/duplox.wzb.eu\/people\/jeanette\/index.shtml\" target=\"_blank\"><em>Dr. Jeanette Hofmann <\/em><\/a><em>forscht zurzeit \u00fcber die Regulierung des Internet-Adressraums (IPv4\/IPv6) und \u00fcber Google Books. <\/em><em>Derzeit arbeitet sie <\/em><em>am <a href=\"http:\/\/www.lse.ac.uk\/collections\/CARR\/aboutUs\/staff\/hofmann.htm\" target=\"_blank\">ESRC Centre for Analysis of Risk and Regulation<\/a> an der London School of Economics and Political Science.<\/em><em> <\/em><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Forscherin Jeanette Hofmann im Interview \u00fcber Internet-Governance als Prozess und Wikipedia als zentrales Untersuchungsobjekt f\u00fcr aktuelle Governance-Entwicklungen. 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