{"id":79,"date":"2010-07-22T09:31:52","date_gmt":"2010-07-22T07:31:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cpov.de\/?p=79"},"modified":"2010-07-22T11:50:00","modified_gmt":"2010-07-22T09:50:00","slug":"wissenschaft-und-wikipedia-%e2%80%93-eine-%e2%80%9ezwangsehe%e2%80%9c-mit-hindernissen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.cpov.de\/?p=79","title":{"rendered":"Wissenschaft und Wikipedia \u2013 eine \u201eZwangsehe\u201c mit Hindernissen?"},"content":{"rendered":"<p><em>Autor: Ren\u00e9 K\u00f6nig<\/em><\/p>\n<p>Zwischen der Wissenschaft und der freien Online-Enzyklop\u00e4die Wikipedia herrscht Skepsis: Die einen f\u00fcrchten, dass unter den  Bedingungen egalit\u00e4rer Wissensproduktion die wissenschaftliche Qualit\u00e4t  leide, die anderen kritisieren die elit\u00e4ren Strukturen der akademischen  Welt. Dabei sind beide aufeinander angewiesen: Die Enzyklop\u00e4die ben\u00f6tigt  dringend die Expertise anerkannter Fachleute. Gleichzeitig sorgt die  Popularit\u00e4t Wikipedias daf\u00fcr, dass Eintr\u00e4ge zu einem wissenschaftlichen  Thema mitunter zum Aush\u00e4ngeschild eines Fachbereichs werden \u2013 unabh\u00e4ngig  davon, ob sich seine Galionsfiguren daran beteiligt haben. Entsteht  hier eine \u201eZwangsehe\u201c zwischen dem Wissenschaftssystem und Wikipedia?<!--more--><\/p>\n<p><strong>\u201ePublish in Wikipedia or perish\u201c? Zur Relevanz Wikipedias f\u00fcr die Wissenschaft<\/strong><\/p>\n<p>Nature titelte <a title=\"\u201ePublish in Wikipedia or perish\u201c\" href=\"http:\/\/www.nature.com\/news\/2008\/081216\/full\/news.2008.1312.html\" target=\"_blank\">\u201ePublish in Wikipedia or perish\u201c<\/a>. Anlass war die neue <a href=\"http:\/\/www.landesbioscience.com\/journals\/rnabiology\/guidelines\">Publikationspolitik<\/a> des Journals RNA Biology, das seine AutorInnen k\u00fcnftig dazu n\u00f6tigt,  Zusammenfassungen ihrer Artikel in Wikipedia zu ver\u00f6ffentlichen. Der  Fall zeigt eindrucksvoll, wie sehr die Online-Enzyklop\u00e4die inzwischen  mit dem Wissenschaftssystem verwoben ist. Und es ist davon auszugehen,  dass sich dieser Trend fortsetzen wird. Denn die n\u00e4chste  WissenschafterInnen-Generation scheint wenig Ber\u00fchrungs\u00e4ngste mit  Wikipedia zu haben: Eine <a href=\"https:\/\/hisbus.his.de\/hisbus\/docs\/hisbus21.pdf\" target=\"_blank\">Umfrage<\/a> unter deutschen Studierenden aus dem vergangen Jahr offenbarte, dass 80  % von ihnen h\u00e4ufig Artikel aus der Enzyklop\u00e4die lesen und ein Gros des  Nachwuchses die hier vorgefundenen Informationen als verl\u00e4sslich  einstuft \u2013 meist zum Verdruss ihrer Lehrenden, die Wikipedia in der  Regel kritischer betrachten als ihre Z\u00f6glinge und mitunter das Zitieren  der freien Inhalte rigoros untersagen.<\/p>\n<p><strong>Debatten \u00fcber Qualit\u00e4t <\/strong><\/p>\n<p>Diese Haltung scheint auch tats\u00e4chlich nicht unberechtigt zu sein. Immer wieder macht Wikipedia spektakul\u00e4re <a href=\"http:\/\/de.arne-nordmann.de\/Blog\/kaffeeserviceundbuegelbrett\">Negativ-Schlagzeilen<\/a>,  etwa wenn JournalistInnen Fehler aus der Enzyklop\u00e4die \u00fcbernehmen, die  dann auf diesem Weg in die etablierte Presse geraten. Solche F\u00e4lle  sorgen dann daf\u00fcr, dass die Qualit\u00e4t der Wikipedia und das in diesem  Zusammenhang viel zitierte Konzept einer \u201eWeisheit der Vielen\u201c  (Surowiecki) generell hinterfragt werden.<\/p>\n<p><strong>Qualit\u00e4tssicherungsma\u00dfnahmen statt Anarchie<\/strong><\/p>\n<p>Dabei ist das Online-Nachschlagewerk weit weniger anarchisch  organisiert als es viele erwarten. Den \u201eWikipedianern\u201c ist durchaus  klar, dass Verfahren der Qualit\u00e4tssicherung von N\u00f6ten sind, um derartige  F\u00e4lle und den damit verbundenen Imageverlust zu vermeiden. Mittlerweile  gibt es eine ganze Reihe von Ma\u00dfnahmen, die Missbrauch verhindern und  die Qualit\u00e4t steigern sollen: Artikel erscheinen als \u201eungesichtete  Versionen\u201c bis sie von erfahrenen NutzerInnen gepr\u00fcft werden, man  kollaboriert in Portalen und Redaktionen und zeichnet besonders  gelungene Artikel nach einem Review-Prozess als \u201elesenswert\u201c oder gar  \u201eexzellent\u201c aus. Gleichzeitig sorgen technische Funktionen wie  \u201eBeobachtungslisten\u201c daf\u00fcr, dass \u00c4nderungen nicht lange unbemerkt  bleiben. So kommt es, dass sich Artikel zwar auch ohne Anmeldung  erstellen und editieren lassen, diese aber unter Umst\u00e4nden innerhalb  weniger Minuten wieder gel\u00f6scht bzw. r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht werden.<\/p>\n<p><strong>Konflikte mit dem Wissenschaftssystem <\/strong><\/p>\n<p>Und dennoch gibt es zwei wesentliche Konflikte zwischen dem System  der Wikipedia und dem der Wissenschaft: Erstens erfolgt die  Qualit\u00e4tskontrolle bei traditionellen akademischen Publikationen vor und  nicht nach ihrer Ver\u00f6ffentlichung. Zweitens ist die Autorenschaft hier  gew\u00f6hnlich klar nachvollziehbar. Sie ist gewisserma\u00dfen die \u201eW\u00e4hrung\u201c  akademischer Arbeit: Publikationen sorgen f\u00fcr Reputation, Reputation  sorgt f\u00fcr ein Vertrauen in Inhalte. Beides ist bei Wikipedia nicht, bzw.  nur eingeschr\u00e4nkt gegeben. So bleibt die Qualit\u00e4t der Inhalte von  Wikipedia ein Unsicherheitsfaktor und die mangelnde Zurechenbarkeit der  Autorenschaft l\u00e4sst Anreize f\u00fcr WissenschafterInnen schwinden: Warum  sollte man sich in Wikipedia beteiligen, wenn man den Beitrag nicht  eindeutig f\u00fcr sich verbuchen kann und dieser wom\u00f6glich noch ungewollt  von anderen ver\u00e4ndert wird?<\/p>\n<p><strong>Ignorieren zwecklos \u2013 Zur Entstehung einer Zwangsehe <\/strong><\/p>\n<p>Die Antwort daf\u00fcr liegt auf der Hand: Es ist die Relevanz der  Online-Enzyklop\u00e4die, die sie sowohl in der \u00d6ffentlichkeit als auch  teilweise bereits in der Wissenschaft genie\u00dft. Sie ist nicht nur das  beliebteste Nachschlagewerk im Internet, sondern auch eine der  popul\u00e4rsten Webseiten \u00fcberhaupt \u2013 mit entsprechend guten  Suchmaschinen-Positionierungen, was diese Tendenz noch verst\u00e4rkt.  Ungeachtet dessen, ob es sich dabei um eine \u201eWeisheit der Vielen\u201c  handelt, oder um \u201eDigitalen Maoismus\u201c (Lanier), muss man in Wikipedia  wohl eine \u201eMacht der Vielen\u201c erkennen, die sich kaum ignorieren l\u00e4sst.  Somit m\u00fcssen wohl beide Seiten aufeinander zugehen und strukturelle und  psychologische Barrieren abbauen. Denn es scheint, dass die Systeme  Wissenschaft und Wikipedia tats\u00e4chlich in eine \u201eZwangsehe\u201c treten \u2013  trotz aller Hindernisse.<\/p>\n<p><em>Die hier skizzierten Ph\u00e4nomene sind Gegenstand einer Untersuchung des <a href=\"http:\/\/www.oeaw.ac.at\/ita\" target=\"_blank\">Instituts f\u00fcr Technikfolgen-Absch\u00e4tzung (ITA) <\/a> zu Wissenschaft in Wikipedia und anderen Projekten der Wikimedia. Hintergrund ist das Projekt <a href=\"http:\/\/www.wissenschaftskommunikation.info\/\" target=\"_blank\">Interactive Science<\/a>,  das gef\u00f6rdert durch die VW-Stiftung, neue Formen der  Wissenschaftskommunikation und ihre Folgen erforscht. Die Ergebnisse  finden sich hier: <a href=\"http:\/\/www.oeaw.ac.at\/ita\/interactive\">http:\/\/www.oeaw.ac.at\/ita\/interactive<\/a><\/em><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Autor: Ren\u00e9 K\u00f6nig Zwischen der Wissenschaft und der freien Online-Enzyklop\u00e4die Wikipedia herrscht Skepsis: Die einen f\u00fcrchten, dass unter den Bedingungen egalit\u00e4rer Wissensproduktion die wissenschaftliche Qualit\u00e4t leide, die anderen kritisieren die elit\u00e4ren Strukturen der akademischen Welt. 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