Konferenzbericht Session IV: Wissens(re)präsentationen

Posted: September 26, 2010 at 8:32 pm  |  By: Tobias Prüwer  |  Tags: , , ,

Autorin: Anne Martin

Rainer Hammwöhner: Wikipedia und Wikimedia-Commons als globale Repositorien

Das emanzipatorische Potential der Wikipedia, die Demokratisierung der Deutungshoheit, wird von Rainer Hammwöhner im Hinblick auf die unterschiedliche Partizipation verschiedener Sprach- und Kulturräume und die Spezifitäten der jeweiligen Wikipedien mit Hilfe empirischer Befunde kritisch hinterfragt. Die Art und Anzahl der Einträge korrespondiert hierbei mit der Verbreitung der jeweiligen Sprache. Universalsprachliche Wikipedien wie z.B. die Englische oder Deutsche arbeiten bei der Kategorisierung ihrer Artikel mit wesentlich abstrakteren Kategorien hinsichtlich der related terms als regionale Wikipedien, die eine feinere Differenzierung der Kategorien ermöglichen. Außerdem werden eine Vielzahl von Artikeln über Phänomene anderer Kulturräume von Nicht-MuttersprachlerInnen (und Nicht-Einheimischen) verfasst, was die Qualität und Rolle der englischsprachigen Wikipedia als „global blackboard“ in Frage stellt. Hier spricht sich Hammwöhner für eine Stärkung der regionalsprachlichen Wikipedien als Projekte von Dialektkonservierung, Sprachdokumentation und kultureller Emanzipation aus, die es zu fördern gilt. Dabei sollten Strukturen geschaffen werden, die es ermöglichen, auch Kulturen und Sprachen mit vornehmlich mündlicher Tradition mit ihren jeweiligen Sprachen einzubinden, damit diese nicht sofort auf globale Sprachen wie Englisch und Französisch ausweichen. Hierbei spielt die Akkreditierung kompetenter AutorInnen die wichtigste Rolle, denn diese bestimmen die Komplexität und Qualität der Wikipedien. Auch die daraus resultierende größere Anzahl der Interlanguage Links trägt zum emanzipatorischen Charakter der Wikipedia bei, indem dem Rezipienten die Möglichkeit von Alternativlektüren und Konsistenzüberprüfungen gegeben wird.

Gabriele Blome: Awareness im Medienarchiv

Trotz Verbesserung der usability von im Internet verfügbaren Datensammlungen sollte in Zukunft der Fokus der Optimierung von Interfaces sich nicht nur auf das schnellere Finden von Informationen beschränken, so die These von Gabriele Blome. Vielmehr sollte neben der bloßen Reproduktion von Wissen auch dessen Produktion in einem „kreativen Suchprozess“ ermöglicht werden. Das analytisch-systematische, vertikale Denken soll mit Hilfe von Visualisierungen um den offenen und generativen Bereich des lateralen Denkens und der „awareness“ erweitert werden, welche dem Bewusstsein als immer schon Gerichtetem gegenübersteht. In diesem sich ergänzenden Modell stehen sich strikte Fokussierung und offene Suche gegenüber, die den Rezipienten zum Produzenten neuer Inhalte und Verknüpfungen werden lassen. Die Frage ist, wie Informationen so präsentiert werden können, so dass ein kreativer Umgang mit ihnen möglich ist. Grafischen Darstellungen kommt dabei eine besondere Rolle zu. Explorative Darstellungen oder Netzwerkdiagramme ermöglichen durch räumliche Anordnung und farbliche Kodierung das schnellere Erfassen von Zusammenhängen im Vergleich zu Listen oder textlicher Darstellung. Derartige Interfaces ermöglichen außerdem ein einen reflexiven Umgang mit Informationen und deren Akquirierung durch die Aktivierung von Erinnerungsprozessen. So verändert die ästhetische Erfahrung die Wahrnehmung, die auch den Auswahlmodus weniger restriktiv gestaltet, so dass z.B. thematische Vernetzungen im Umfeld von Artikeln überblickt werden können, ohne die Seite verlassen zu müssen. Im Aufbrechen der Routinisierung habitueller Wahrnehmung ergibt sich allerdings die Schwierigkeit des Einstiegsaufwands, den es erfordert, die Syntax des Dargestellten zu erfassen.

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