Podiumsdiskussion: Wikipedia und Kritik

Posted: September 30, 2010 at 2:18 am  |  By: Tobias Prüwer  |  Tags: , , , , ,

Autorin: Anne Martin

Die kritische Auseinandersetzung mit einer der größten Wissensunternehmungen unserer Zeit steht erst am Anfang, ist aber gerade im Hinblick auf die große Wirkungsmacht Wikipedias, so das Echo Diskussion, unverzichtbar. Trotz in letzter Zeit erschienener Dissertationen und anderer Veröffentlichungen, sollte besonders die Vernetzung der Forschung verbessert werden, um unterschiedliche Perspektiven zusammenführen zu können. Empirische Ansätze basieren bisher zum größten Teil auf quantitativen Erhebungen, welche in einen größeren Kontext eingeordnet werden sollten. Diesem Anliegen verpflichtet sich im Besonderen die Leipziger Konferenz mit ihrem Fokus auf Wikipedia, das Verhältnis zur Wissenschaft und die Zukunft des Projektes (Geert Lovink).

Thomas König kritisierte die Zusammensetzung der Leipziger Diskussion selbst mit Blick auf die seiner Ansicht nach große Anzahl von Mitgliedern des Wikimedia-Vereins, da deshalb kritische Fragen nach internen Machtstrukturen und Wissensgenerierung nur marginal thematisiert würden.

Die Frage, ob Wikipedia ein kritisches Medium sei, wurde – rein auf die Inhalte bezogen – verneint, jedoch im Hinblick auf die mögliche Unterstützung kritischer User bejaht. Hierbei greift das Bild der kritischen Wikipedia als eines Trojanischen Pferdes, welches neben der offensichtlichen Gestalt – in diesem Fall den Inhalten – noch vieles andere transportiert, wie etwa den Umgang mit Lizenzen und die Methode der Inhaltserstellung (Mathias Schindler). Jedoch im Unterschied zu anderen offenen Netzprojekten, z.B. Indymedia, ist bei Wikipedia eine Herrschaftskritik nicht explizit angelegt und auch nicht der Gründungsgrund (Anne Roth). Entstehung und Erfolg der Wikipedia lassen sich eher auf das Versagen von sich parallel entwickelnden enzyklopädischen Projekten mit zumeist kommerziellem Zweck zurück führen.

Ein generelles Problem von offenen, egalitären Projekten, die sich auf ein allgemeines Set von Regeln stützen, ist die Kluft von Theorie und Praxis (Roth). Hierarchiebildung qua Expertenwissen sind Entwicklungen, denen man nur mit großen Bemühungen um Transparenz und Inhaltsvermittlung entgegenwirken kann. Andernfalls bewegt man sich auf einen Teufelskreis zu aus Nutzern, die nicht über das implizite Wissen über die Anwendung von Entscheidungsstrukturen einer kleinen Gruppe verfügen und aus Frustration über für sie nicht nachvollziehbare Löschungen ihre Partizipation einstellen (Roth). Deshalb sollte der Modus der Erklärung verbessert werden, was primär vereinfachen meint (Jan Eissfeldt).

Die Wikipedia der Zukunft sollte desweiteren Konkurrenz an die Seite gestellt bekommen, da sie zurzeit als Marktführer sehr interessant für Interessengruppen ist und so ihr mögliches kritisches Potential untergräbt (König). Auch ein zunehmender dialogischer Charakter wäre eine wünschenswerte Entwicklung hin in eine postmoderne Phase, welch die Diskussionsseiten mehr in den Fokus treten lässt und Wert auf Meinungsunterschiede und einen multiple point of view legt (Lovink). Damit korrespondiert auch die Verabschiedung von Objektivitätsansprüchen (Roth) und die stärkere Orientierung an sozialen Seiten, welche stärker über Vertrauen und Empfehlungen organisiert werden.

Wünschenswert ist auch das Einsetzen neuerer Technologien und die Einbeziehung externer Quellen, die allgemeinen Angaben Spezialwissen an die Seite stellen, wie die Stanford Encyclopedia oder science world, so dass Wikipedia nicht mehr das Ende, sondern den Anfang einer Recherche markiert (Schindler, Eissfeldt).

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