»Ich rate meinen Studierenden ab«

Posted: August 26, 2010 at 1:04 am  |  By: Tobias Prüwer  |  Tags: , , , ,  |  3 Comments

Die Philosophieprofessorin Petra Gehring im Gespräch über Wikipedia in der Lehre, die Vor- und Nachteile digitaler Lexika bei der Informationssuche und Lesenkönnen als elementare Kulturtechnik.

Tobias Prüwer: Machen Sie unterschiedliche Wissensordnungen zwischen den Wissensmaschinen aus Papier und den digitalen aus? Wie würden Sie den Nachteil und/oder Nutzen digitaler Lexika benennen?

Petra Gehring: Grundsätzlich sind sich gerade Nachschlagewerke in ihrem Gebrauch recht ähnlich, ob man sie nun in Papierform anlegt und nutzt oder digital: Jeweils geht es um rasche Informationsaufnahme, um überschaubare Lesezeiten und kaum um tief eintauchendes, „arbeitendes“ oder fasziniert-spannungsvolles, quasi kinofilmartiges Lesen.

Die Vorteile digitaler Lexika liegen auf der Hand: Man kann buchstäblich mit einem Griff Sachinformationen bekommen, und zwar sehr aktuelle. Da kann das Buch nicht mit: Man muss mindestens aufstehen, blättern und sicher sind die dicken Bände, die man dann stemmt, schon ein paar Jahre alt.

Die Nachteile digitaler Lexika beginnen für mich allerdings ebenfalls beim Handling: Man kann nicht blättern (und mal „überschlagen“, was es so für affine Stichworte gibt), sondern ist zur „blinden“ Suche verdammt. Man muss wissen, was man wissen will, denn rund um die Treffer ist es dunkel. Dazu kommt, dass jedenfalls bei Wikipedia die Links in der Regel wahllos gelegt sind – teils unsinnig, Hauptsache so viele wie möglich. Geht es um die Nettozeit beim Suchen, ist daher bei komplexen Fragestellungen das Print-Nachschlagewerk oft dann doch zeitlich wieder konkurrenzfähig. Man läuft nicht in die Irre. Man wird besser gelenkt (wenige, gezielte Verweise) und ist Vorentscheidungen dennoch weniger ausgeliefert (man hat neben der Verweisstruktur auch noch verschiedene Register und die blätternde Zufalls-Übersicht).

Der Hauptnachteil digitaler Lexika ist freilich, dass Themen, die Expertenwissen benötigen oder gar umstrittene wissenschaftliche oder politische Diskussionsstände darstellen sollen, in keiner Weise verlässlich sind. Das liegt nicht am bösen Willen der Autoren. Und es liegt auch nur zum Teil an der Anonymität der Autorschaft (die ist in Lexika gar nichts Revolutionäres). Es ist schlicht für Laien nicht möglich, hier angemessene Beiträge zu formulieren – und auch viele Laien gemeinsam schaffen das nicht. Im Gegenteil: Gerade in umstrittenen Feldern werden die Artikel durch Kollektivautorschaft nicht besser, sondern schlechter. Sie werden nämlich pseudo-ausgewogen, dadurch konservativ – oder mindestens: konventionell – und brav.
Die Frage nach den „unterschiedlichen Wissensordnungen“ ist schwer zu beantworten. Ich sehe noch nicht wirklich Unterschiede. Solange digitale Lexika quasi common sense versammeln und auch zu jedem Thema einen ungefähr gleich formatierten Beitrag bringen wollen (also ohne Unterschied die ganze Welt mit einer einheitlichen Herangehensweise zur Darstellung bringen wollen), bewegen sie sich ungefähr auf dem Wissensordungs-Ideal des 19. Jahrhunderts. Das war die Zeit der großen, allumfassenden Lexika und Enzyklopädien.

Prüwer: Welche Erfahrungen haben sie als Dozentin mit elektronischen Lexika à la Wikipedia gemacht? Nehmen Sie diese z.B. verstärkt als Hauptquelle für Referate und Seminararbeiten oder Recherchewerkzeug wahr?

Gehring: Im Unibetrieb sind Wikipedia, Encharta o.ä. immer wieder als Quellen in Hausarbeiten zu finden. Wenn es um Jahreszahlen oder Geburtsorte geht (also „Recherche“ von Fakten), ist das nicht schlimm. Ansonsten führt es oft zu GANZ schlimmen Vergröberungen oder auch Fehlern (man lese nur den teils hanebüchenen und auch falsch verlinkten Artikel zu „Diskurs“).

Ich habe daher keine guten Erfahrungen damit gemacht und rate meinen Studierenden ab. Auch der Link zu den Beständen der Deutschen Nationalbibliothek, den viele Wikipedia-Artikel über Autoren oder Texte inzwischen anbieten, ist im meinem Fach – Philosophie – ein echtes Problem. Er ersetzt Literaturrecherchen nicht. Denn die DNB verzeichnet nur Monographien (nicht Aufsätze oder Kapitel in Lehrbüchern). Und auch nur Monographien, die einen gesuchten Namen zum Autor haben.

Prüwer: Bedeuten die elektronischen Lexika eine Vermehrung des Wissens oder ist der bequemere und schnellere Zugriff auf Informationen nicht mit Wissen in eins zu setzen?

Gehring: Mehr Wissen bietet das Netz auf jeden Fall – und das ist prima so. Vor allem aktuelles Wissen bietet es, und auch solches, das wiederum rund um Netzthemen, Netztechniken, Netzdebatten seine eigenen Schwerpunkte bildet.
Ich würde auch nicht zögern, das Netzwissen mit anders vermitteltem „Wissen“ in eins zu setzen. Vorwiegend handelt es sich allerdings um informationsförmiges Wissen. Ob diese fixe Art des Wissens wiederum mit Denken, mit Argumentationsvermögen, mit dem Ordnen von Überlegungen und der Gewinnung von Urteilskraft, mit dem Erfassen von konzeptionellen Zusammenhängen, mit Übersicht und der Bildung von beweglichen Perspektiven in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen ist? Das weiß ich nicht. Ich antworte mal salomonisch: Man sollte sich vom Netz nicht zu wenig wie auch nicht zu viel erwarten. Vorwiegend ist es eine Informationsbeschaffungsmaschine.

Prüwer: In einem Aufsatz[1] schrieben Sie, dass die neue(ren) Medien eine andere
Zeiterfahrung und bspw. Hypertexte auch andere Lesegewohnheiten mit sich bringen. Wie würden Sie diese beschreiben und was bedeutet das für den alltäglichen Mediengebrauch sowie das Lernen?

Gehring: Toll ist die Geschwindigkeit, mit der sich inzwischen lästige Sucharbeit erledigen lässt. Auch Zeitgeschehen – also tagesaktuelle Dinge – sind blitzartig greifbar. Und man hat auch rasch einen Eindruck von der Meinungsvielfalt drum herum.

Das Lesen und das Lernen bestehen freilich aus ganz anderen Formen der Anstrengung: Sich konzentrieren, Eintauchen, nicht Unterbrechen, wiederholte Anläufe machen – und sich nicht Ablenken lassen. Das Buch, das ich gerade lese, ist wie ein Berg, auf den ich steige. Bevor ich diesen nicht habe, kann und darf ich an keinen anderen auch nur denken. Dazu gibt es eine wichtige Bedeutung, die dem Vergessen zukommt. Richtig vergessen (also etwas als unwesentlich verloren gehen lassen) kann ich nur, nachdem ich das, worum es geht, ganz Ernst und wichtig genommen habe. Sonst rutschen die Dinge einfach nur durch. Ich glaube: Lesen beginnt, wo nicht einfach nur Informationen vor den Augen durchrutschen, sondern wo ich sie einmal ganz durch mich hindurch laufen lasse. Lasse ich Buchstaben wie Bilder vorbeitanzen, habe ich gar nichts. Ich muss schon einen Kopfsprung machen, damit sich die Oberfläche der Buchstaben öffnet, mich hineinlässt und das Kopfkino der Lektüre beginnt.

Für das Lernen ist Lesenkönnen nicht nur wichtig, sondern elementar. Das schließt andere Formen des Mediengebrauchs nicht aus. Aber wer nicht lesen kann, also vertieft mit Texten im Gespräch sein kann, bleibt dumm. Er (oder sie) verliert eine Fähigkeit, welche für die vergangenen zweitausend Jahre spielentscheidend war und auch für die nächsten zweitausend Jahre spielentscheidend bleiben wird.

Prüwer: Wir nutzten die digitalen Medien größtenteils noch als schnellere Variante der analogen (z.B. Datenbank statt Karteikasten). Wenn Sie
spekulieren sollten: Welche wirklich neuen Möglichkeiten stehen schon vor der Tür?

Gehring: Ich freue mich auf die maßgeschneiderten Mischungen: digitale Optionen und bewährte Medien in neuen Kombinationen, in witzigen Verschränkungen – und so, dass man jeweils das Beste aus beiden Welten kombinieren kann. Teils gibt es auch ganz neue Felder, etwa in der Kombination von (digitalem) Text und (digitalem) Ton.

Eine weitere reizvolle Möglichkeit beinhalten die in der digitalen Welt viel einfacheren Praktiken der Ko-Autorenschaft. Texte von zweien oder mehreren können, sogar über Entfernungen, relativ widerstandslos entstehen. Auch das kann gerade für die Geisteswissenschaften eine Revolution werden. Bislang sind Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler meistens Einzeltäter/innen. Das liegt auch an den traditionell mühsam bearbeitbaren Eigenschaften des Werkstoffs Text. Es ist schwer, sich so gut aufeinander einzuspielen – so gemeinsam denken zu lernen –, dass auch anspruchsvolle Texte in Ko-Autorschaft gelingen können. Digitale Textverarbeitung (Anmerkungen, Versionsverwaltung, Verschickung) machen das leichter. Hier bin ich auf neue Experimentierfelder sehr gespannt.

[1] Petra Gehring: Alles schneller, alles gleichzeitig, alles präsent? Neue Medien, neue Zeitprobleme. In: Werner Sesink (Hrsg.), Studieren im Cyberspace? Die Erweiterung des Campus in den virtuellen Raum. Münster (LIT-Verlag) 2005. S. 111-129.

Petra Gehring ist seit 2002 Professorin für Philosophie an der TU Darmstadt. Ihre Forschungsgebiete sind u.a. klassische und nachklassische Phänomenologie, Strukturalismus und “poststrukturalistische” Theoriebildung, Neue Medien und eLearning, Zeichentheorie, Metapherntheorie, Texttheorie und Medientheorie. Zu ihrer Homepage.

Responses

  1. Thomas Tunsch says:

    September 11th, 2010 at 02:21 (#)

    So richtig verstehe ich das nicht: einerseits seien sich “Nachschlagewerke in ihrem Gebrauch recht ähnlich, ob man sie nun in Papierform anlegt und nutzt oder digital” und man “kann buchstäblich mit einem Griff Sachinformationen bekommen, und zwar sehr aktuelle”; doch dann soll es “rund um die Treffer dunkel” sein und “bei Wikipedia (sind) die Links in der Regel wahllos gelegt” und “teils unsinnig”.

    Da in allen Lexika nur die Lemmata verlinkt werden können, scheint es mir nur folgerichtig zu sein, daß die Leserin oder der Leser entscheiden muß, ob sie/er einem Link folgt oder ob ihr/ihm das verlinkte Wort zur Beschreibung des Begriffs genügt. Wenn ein Link unsinnig ist, so kann er mit einer entsprechenden Begründung entfernt werden. Diese Möglichkeit der Verbesserung von Artikeln steht jedem offen, nur scheint sie leider gerade von den Experten nur selten genutzt zu werden. Unerwähnt bleibt, daß in Wikipedia Kategorien, Portale und weitere Möglichkeiten der Verweise (z.B. “Siehe auch”, Literatur, Weblinks, Einzelnachweise, Infoboxen und Navigationsleisten) Möglichkeiten der Verknüpfung von Inhalten bieten, die anderen Lexika fremd sind.

    Andere Fragen, die das Interview offen läßt, sind die nach der Verläßlichkeit von Expertenwissen, wer entscheidet, was Laien sind oder wer die Angemessenheit ihrer Beiträge bewertet. Könnte es sein, daß sich in der Welt der “Einzeltäter/innen” diese Fragen so einfach beantworten lassen, weil jede/r die Antworten jederzeit parat hat? Dazu paßt das Bild des Berges, der allein bestiegen werden müsse. Braucht man nicht gerade für besonders schwierige Touren die Unterstützung in Seilschaften?

  2. Manfred Teibach says:

    September 13th, 2010 at 10:36 (#)

    Man sollte digitale Nachschlagewerke nicht per se mit Projekten wie der Wikipedia, die auf die Mitautorenschaft der Netzgemeinschaft setzen, gleichsetzen. Dieser völlig legitime Ansatz ist ja nur eine Möglichkeit wie ein digitales Nachschlagewerk entstehen kann. Denkbar ist genauso ein Produkt, das in einem ganz klassischen redaktionellen Prozess erarbeitet wird. Auch denkbar sind Mischformen, etwa dass man den Nutzerkreis auf Personen mit einem gewissen Grad an Expertenwissen beschränkt, aber immer noch grundsätzlich allen, die die entsprechenden Qualifikationen vorweisen können, die Möglichkeit der Teilnahme einräumt.

    In jedem Fall sollte man zwischen den Möglichkeiten, die die digitale Präsentationsform bietet, und anderen Aspekten wie eben dem Produktionsprozess unterscheiden.

  3. Daniel Braun says:

    Mai 29th, 2013 at 17:36 (#)

    Leider strotzt der Artikel nur so vor Unwissenheit / Ungenauigkeiten was elektronische Nachschalgewerke angeht. Mit “Encharta” ist z.B. vermutlich das 2009 eingestellte “Encarta” von Microsoft gemeint. Der Inhalt von Encarta stammte zu großen Teilen aus “Collier’s Encyclopedia”, nur weil die Fakten von einer haptischen in eine andere Form umgewandelt wurden haben sie nichts an Gehalt verloren. Hier sollte man deutlich unterscheiden zwischen elektronischen Nachschlagewerken und “crowdgesourcten” Nachschlagewerken.

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